Recht und Ware

01.07.2011

Vortrag vom 01.07.2011 im Rudolf Steiner Haus Heidelberg, Veranstalter: D. N. Dunlop Institut

„Es ist nicht bloß das, was gesagt wird, verlogen, auch das, was geschieht, ist verlogen. Sobald man Grund und Boden als Ware betrachtet, das heißt, sobald man ihn kaufen und verkaufen kann, lügt man durch seine Taten." Rudolf Steiner

Sehr verehrte Anwesende, Liebe Freunde,

Wenn Sie in den vergangenen Wochen, Monaten, sogar Jahren die Presse auch nur aus dem Augenwinkel verfolgt haben, konnten Sie bemerken, dass sich da offenbar eine Inflation abzeichnet. Ich meine jetzt nicht die Inflation des Geldes. Diese hängt unmittelbar mit dem Thema des heutigen Abends zusammen. Ich meine die Inflation des Wortes „Krise“. Das Wort „Krise“ erlebt gegenwärtig eine Inflation. Wir haben eine Immobilienkrise, eine Wirtschaftskrise, eine Finanzkrise, eine Eurokrise, eine Spanienkrise, eine Energiekrise, eine Nahrungsmittelkrise, eine Griechenlandkrise – und so weiter. Und Sie wissen ja, was mit einem Ausdruck geschieht, wenn er inflationär gebraucht wird – er nutzt sich ab, er wird abgegriffen. Man nimmt ihn in den Mund, aber man weiß nicht mehr, was er bedeutet. Deshalb möchte ich zunächst an die Bedeutung des Ausdrucks „Wirtschaftskrise“ erinnern.

Der Ausdruck hat offenbar zwei Teile, „Wirtschaft“, und „Krise“. Woran denken wir bei dem Wort „Wirtschaft“? Wir denken daran, dass der Mensch Bedürfnisse hat, dass zur Befriedigung dieser Bedürfnisse Arbeit notwendig ist, dass aber keiner für sich selbst arbeitet, dass also jeder für den anderen arbeitet, so wie er umgekehrt von dem anderen ernährt wird, was dann zu der schwierigen Frage nach dem real möglichen Verhältnis von Leistung und Gegenleistung führt, zu der Frage des richtigen Preises also. An solche Dinge denken wir zunächst bei dem Wort „Wirtschaft“, und wir brauchen uns noch keiner Schule, keinem Lager anzuschließen, wenn wir bloß an diese Dinge denken. Auf der anderen Seite das Wort „Krise“ - woran denken wir da? Wir denken an etwas, das über uns hereinbricht, etwas, das uns im Schlaf erwischt. Wir haben zum Beispiel eine „midlife-crisis“, und das eigentümliche diese „midlife-crisis“ ist, dass wir sie nicht absichtlich haben. Wir bringen sie nicht bewusst hervor. Sie ereignet sich mit einer naturgesetzlichen Notwendigkeit, die wir aber eben nicht durchschauen. Wir sagen: „das ist eben so, das gehört zum Leben dazu, der Mensch im mittleren Alter bekommt eben eine Krise.“

Und jetzt bringen wir die beiden Worte zusammen, die „Wirtschaft“ und die „Krise“, so dass wir dann die „Wirtschaftskrise“ bekommen. Dann haben wir die „Wirtschaftskrise“. Dann haben wir die Bedürfnisse, das Arbeiten für die Bedürfnisse, die Preisverhältnisse, und das alles ist gestört, aber so, dass wir diese Störung nicht absichtlich herbeiführen, sondern das trifft uns ganz unerwartet. So ist das ja, wenigstens für viele, auch gewesen 2007, und dann für viele auch wieder 2010. Als Bezeichnung eines Erfahrungswertes, als Ausdruck dafür, dass wir zwar erlebten, wie die Wirtschaft gestört wurde, aber nicht behaupten können, dass wir diese Störung bewusst hervorbrachten, ja überhaupt eine Ahnung davon haben, wie genau wir sie eigentlich hervorbrachten, diese Störung der Wirtschaft, ist der Ausdruck ja unzweifelhaft zutreffend. Und dennoch lässt sich geradezu Gegensätzliches damit sagen, je nachdem, wie man die beiden Worte zusammenbringt.

Man kann nämlich erstens bei der bloßen Erfahrung stehen bleiben. Man kann sagen: die Wirtschaft erscheint uns gegenwärtig krisenhaft, so, als ob sie mit einer gewissen inneren Notwendigkeit Störungen erfährt, deren Ursprung sich unserem Bewusstsein entzieht, die wir zumindest nicht absichtlich hervorbringen und deshalb auch nicht vorherzusehen oder gar zu verhindern wissen. Dann liegt das Krisenhafte in der Form, in der die Wirtschaft uns gegeben ist, gehört aber nicht notwendig auch zu dem Objekt „Wirtschaft“ dazu. Es kann auch im Subjekt liegen. Es ist dann möglich, dass sich mit unserer Denkweise auch die die Form ändert, in der uns Wirtschaft gegeben ist, dass also für ein anderes Bewusstsein mit anderen Begriffen die Wirtschaft nicht verschlossen bleibt, dass sich diesem Bewusstsein sogar erschliesst, wie genau wir die unerwünschten Störungen hervorbringen, wie wir sie also auch verhindern können, wenn wir wollen. Dann müssen wir unter die Wirtschaftskrise, die Finanzkrise, unter die Liste all dieser Krisen zuletzt noch die Denkkrise schreiben, und das Attribut des Krisenhaften haben Wirtschaft, Finanzwesen und so weiter dann, sofern es ihnen von der Denkkrise verliehen wird.

Man kann aber auch über den Erfahrungswert hinausgehen. Man kann sagen: dass ich die Wirtschaft nicht durchschaue, dass ich nicht verstehen kann, in welchen meiner Handlungen die Störung wurzelt, dass diese Störung also wie eine Krise über mich hereinbricht, immer wieder und ganz unerwartet über mich hereinbricht, liegt nicht an mir, sondern an der Wirtschaft selber, das kommt dem Objekt meiner Untersuchung wesenhaft zu. Die Wirtschaft wäre dann etwas, das sich prinzipiell dem menschlichen Bewusstsein entzieht, wenigstens niemals vollständig von diesem durchdrungen werden kann. Sie wäre ein besonderer Bereich des sozialen Lebens, für den der Mensch niemals sagen kann, welche seiner Handlungen welche Folgen für das soziale Leben haben, in dem er also doch immer wieder ganz unabsichtlich etwas tun muss, was dann im sozialen Leben Not hervorruft.

Letzteres ist der Standpunkt der gegenwärtigen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Ich habe Ihnen ein Magazin des Max-Planck-Instituts mitgebracht, da können Sie das sehr schön sehen. Der Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts, Wolfgang Streeck, schreibt darinnen einen Artikel, den nennt er bezeichnenderweise „Die Macht der Unschärfe“. Politiker, so Streeck in diesem Artikel, verlangten von Sozialwissenschaftlern immer klare Handlungsempfehlungen. Sie wollten wissen: wenn ich A tue, tritt B ein. Solche Handlungsempfehlungen seien aber für das soziale Leben überhaupt nicht möglich, und vor allem nicht für die Wirtschaft. Hören Sie bitte, wie Streeck sich das soziale Leben denkt: „In der Unmöglichkeit, sich eine von Zufällen bereinigte Zukunft vorzustellen, erweist sich die wesentliche Geschichtlichkeit der sozialen Welt. Geschichte vollzieht sich durch Ereignisse, die auch hätten ausbleiben können und dann eine andere Geschichte zugelassen hätten. Ohne den Ersten Weltkrieg und die Russische Revolution, die nicht hätten stattfinden müssen, wäre das 20. Jahrhundert anders verlaufen und hätte sich der moderne Kapitalismus anders entwickelt; wie anders, kann aber niemand sagen. Ohne die Vernichtung der Dinosaurier durch den Einschlag eines Meteoriten gäbe es keine Säugetiere und damit keine Menschen. Das kann man wissen, ohne dass man wissen könnte, was aus den Dinosauriern geworden wäre, wenn sie hätten weitermachen dürfen, ob etwa ihre gegenwärtigen Nachkommen mit Messer und Gabel oder mit Stäbchen essen würden. Historische Ereignisse wie der Zusammenbruch des Kommunismus 1989, die Wiedervereinigung oder die gegenwärtige Finanzkrise können nachträglich als wahrscheinlich rekonstruiert oder gar für unvermeidlich erklärt werden; solange sie aber noch nicht eingetreten sind, können andere Ereignisse sie verhindern, aufschieben oder modifizieren, ohne dass jemand jemals wissen könnte, dass sie gerade im Begriff waren, einzutreten.“

Also, die Finanzkrise ist vergleichbar mit dem Einschlag eines Meteoriten. Im Nachhinein können wir sie für unvermeidbar erklären, vorher können wir nicht einmal ahnen, dass sie überhaupt im Begriff war, zu entstehen. Streeck ist mit dieser Meinung nicht alleine. Anfang des Jahres versammelte der einzige deutsche Nobelpreisträger für Wirtschaft, Reinhard Selten, viele namhafte Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen in Bielefeld, um darüber zu sprechen, was man aus der Finanzkrise lernen kann. In der Süddeutschen ist ein Bericht über diese Versammlung erschienen. Ich zitiere: „Die Skepsis gegenüber der historischen Lektion, die manch andere Fächer gar nicht kennen, war für die Teilnehmer der Bielefelder Tagung fast in jeder Sekunde mit den Händen zu greifen. Der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser gab sich beim Vergleich der bisherigen Finanzmarktkrisen zwar alle Mühe, die Vorhersehbarkeit zu retten, und sammelte instruktiv Krisenindikatoren, kam am Ende aber zu dem Schluss, dass man aus der Vergangenheit nicht allzu viel lernen könne. Abgesehen davon, dass Banken hochgefährdete und hochgefährliche Unternehmen seien. Nichts also, nichts kann man lernen. Der Autor des Artikels fasst zusammen, was er selbst auf der Tagung der Fachleute gelernt hat: „Im Grunde gibt es also nur zwei Arten von Menschen: die, die glauben, sie könnten nur einmal vom Blitz getroffen werden, und die, die glauben, dass es einen durchaus ein zweites Mal erwischen könnte, oder auch ein drittes und viertes Mal.“

Glauben, dass der Blitz einschlägt, glauben, dass er einen vielleicht ein zweites mal trifft. Sie erinnern sich: als ich letztes Jahr ungefähr um die selbe Zeit hier zu Ihnen über den Neoliberalismus sprach, da zeigte ich Ihnen, wie sich unsere Wirtschaftswissenschaft aus der Theologie heraus entwickelt hat. Das war natürlich nicht ganz korrekt. Denn im Grunde genommen hat sich die Wirtschaftswissenschaft niemals „heraus“ entwickelt aus der Theologie, sie steckt da immer noch drinnen. Sehr interessant ist es nun, bei Wolfgang Streeck, der übrigens auch auf diese Bielefelder Tagung war, nachzuvollziehen, warum er glauben will, statt zu wissen, warum er glaubt, nichts wissen zu können, wenigstens nicht das wissen zu können, was wir heute Abend herausfinden wollen. Streeck schreibt: „Politiker stellen sich die Gesellschaft gerne als Maschine mit Stellschrauben vor: Man dreht an der richtigen Schraube, und die Welt funktioniert nach Wunsch. Aufgabe der Wissenschaft ist, die Stellschrauben lesbar zu beschriften ... Anders als in den Natur- oder Ingenieurwissenschaften besteht aber der Objektbereich der Sozialwissenschaften selbst aus beobachtungs- und handlungsfähigen Subjekten, denen es keineswegs gleichgültig ist, was die Wissenschaft über sie behauptet oder wozu ihre Erkenntnisse von der Politik verwendet werden. Menschen erkennen Versuche, ihr Handeln zu steuern, und ordnen ihnen Intentionen zu, auf die sie wiederum mit eigenen Intentionen reagieren. Zu diesen gehört ein elementares Bedürfnis, mit Gründen überzeugt statt mit Reizen gesteuert zu werden … Ebenso wie die Sozialwissenschaften die Zukunft nicht vorherzusagen vermögen, bleiben die Reaktionen handelnder Subjekte auf wissenschaftliche Steuerungsversuche unberechenbar. Sozialwissenschaftliche Theorien lassen sich nicht geheim halten. Ihr Einsatz zur Verhaltenskontrolle wird über kurz oder lang bemerkt, auf seine Absichten hin untersucht und absichtsvoll beantwortet.“

Streeck findet also: das soziale Leben besteht aus Individuen, die „absichtsvoll handeln“, und ist deshalb keine Maschine. Die Individuen, die das soziale Leben ja doch letztlich bestimmen, lassen sich nicht steuern, wollen sich auch gar nicht steuern lassen. Nun, das können wir unumwunden zugeben. Aber weshalb man deshalb in die „Macht der Unschärfe“ eintauchen muss, weshalb man aus dieser Tatsache ableiten soll, dass sich für das soziale Leben ein ebenso scharfes Gesetz wie für die Mechanik nicht formulieren lässt, ein Gesetz, aus dem man schließen kann, dass wenn ich A tue, dass dann B geschehen wird, erhellt sich nicht ohne weiteres. Das kann nämlich nur unter Hinzunahme einer stillschweigenden Vorraussetzung gefolgert werden: dass das mechanische Gesetz das einzige Gesetz ist, und dass sich jenseits der mechanischen keine Gesetzmäßigkeit mehr finden lasse, wenigstens nicht im Sinne einer eindeutigen Wenn-Dann-Beziehung.

Nun sind wir hier im Rudolf Steiner Haus versammelt, und dieser Rudolf Steiner, der hat vor fast 100 Jahren mit dem Denken da angefangen, wo Wolfgang Streeck aufhört. Was Wolfgang Streeck nach langen Jahren der Forschung erst unschuldig zu ahnen beginnt, das ist der selbstverständliche Ausgangspunkt für Rudolf Steiners sozialwissenschaftliche Arbeit, und deshalb bildet jener Schlussgedanke von Wolfgang Streeck aus dem Jahr 2010 auch den ersten Satz von Rudolf Steiners sozialwissenschaftlichen Hauptwerk aus dem Jahr 1919, „Die Kernpunkte der sozialen Frage“. Aber hören Sie bitte, wie anders der selbe Gedanke bei Rudolf Steiner klingt, wie anders er dieses Problem der Diskrepanz zwischen einem wissenschaftlichen Steuerungsversuch und der Realität des sozialen Lebens formuliert:

„Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese oder jene Einrichtungen, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat, müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die « soziale Frage » bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben geltend machen will. Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar Unsinnige treiben, und man wird doch das Richtige treffen. Man kann annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen « Lösung » der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte « Lösung » anbieten wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll, auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung der Menschen ist nicht so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal sagen könnten: Da seht einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen. In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon eine ziemlich weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen utopistischen Charakter beigelegt haben. Am stärksten haben dies diejenigen getan, die selbst nur utopistisch denken wollen. Sie sehen bei dem andern, was der wesentlichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist. Für den praktisch Denkenden gehört es heute schon zu den Erfahrungen des öffentlichen Lebens, daß man mit einer noch so überzeugend erscheinenden utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben viele die Empfindung, daß sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit einer solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie müssen sich davon überzeugen, daß sie nur unnötig reden. Ihre Mitmenschen können nichts anfangen mit dem, was sie vorbringen. Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine wichtige Tatsache des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hin. Es ist die Tatsache der Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenüber dem, was zum Beispiel die wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann man denn hoffen, die verworrenen Zustände des öffentlichen Lebens zu bewältigen, wenn man an sie mit einem lebensfremden Denken herantritt?“

Also, man kann sich nicht irgendein soziales System, irgendeine perfekte Einrichtung ausdenken, und das dann einführen. Die Menschen machen das nicht mit. Nun ist das aber der erste Satz von Rudolf Steiners sozialwissenschaftlicher Schrift. Danach kommt ja noch das ganze Buch. Was steht dann also drinnen in diesem Buch? Das muss man man sich doch fragen. Rudolf Steiner stellt diesen Satz hin, und dann schreibt er über das soziale Leben, beschreibt ganz genau diejenigen Einrichtungen, die dieses Leben seiner Meinung nach braucht, entwickelt sogar ein soziales Hauptgesetz. Das ist doch ein Widerspruch! Empfinden Sie das nicht als einen Widerspruch? Über diesen Widerspruch kommt man nur weg, wenn man einen Schritt weiter geht als Wolfgang Streeck. Bleibt man da stehen, wo Wolgang Streeck steht, dass man nämlich dem Menschen bloß zugesteht, absichtsvoll zu reagieren, dann muss man in der Tat die Wissenschaft über Bord werfen. Kann man dem Menschen jedoch mehr zugestehen, will man ihm zugestehen, der alleinige Gestalter des sozialen Lebens zu sein, dann ist Wissenschaft wieder möglich. Diese Wissenschaft wird allerdings lernen müssen, hinzunehmen, was sich in den Handlungen der Menschen als Gesetzmäßigkeit offenbart. Da wird sie das Gesetzmäßige suchen müssen. Aber sie wird ganz absehen müssen davon, sich eine Idee auszudenken und mit dieser dann das Zusammenleben der Menschen irgendwie von Außen steuern zu wollen. Denn im sozialen Leben gibt sich die einzelne Erscheinung, der einzelne Mensch, das Gesetz selber. Für das Mechanische lässt sich ein Gesetz formulieren, das die Einzelteile des Mechanismus von Außen steuert. Für das soziale Leben ist das unmöglich. Da können wir den „Einzelteilen“ niemals ein Gesetz von Außen überstülpen, weil die Einzelteile hier eben Einzelmenschen sind, und diese Einzelmenschen die das soziale Leben bildenden Subjekte sind. Hier schafft die einzelne Erscheinung selbst das Gesetz, und wir können deshalb im sozialen Leben Gesetzmäßigkeit auf keinem anderen Weg finden als auf dem, dass wir herausschälen, was sich in den individuellen Handlungen der Menschen als der diesen Handlungen zu Grunde liegende Wille offenbart. Und dieses Gesetz, sehr verehrte Damen und Herren, erlaubt dann selbstverständlich zu sagen: wenn A, dann B, wenn der Mensch dieses tut, wird sich jenes ereignen. Es erlaubt selbstverständlich auch, eine Finanzkrise vorherzusehen. Das Denken scheitert gegenüber dem sozialen Leben, wenn es ihm das Gesetz von Außen überstülpen will, es dringt in dieses Leben ein, wenn es hinnimmt, was sich in den Handlungen denkender Wesen gesetzmäßig offenbart, wenn es in seinem Gesetz die menschliche Individualität nicht bloß irgendwie problematisiert, sondern sie akzeptiert und zur wirklichen Voraussetzung macht. Dafür braucht es schon noch mehr als die Einsicht, dass man mit Mechanik nicht weiter kommt. Es braucht die Ausbildung eines Denkens, das für das soziale Leben das selbe leistet, was das mechanische Denken für die leblose Natur leistet: exakte Wissenschaft. Und dieses Denken will ich mit Ihnen heute Abend üben.

Was müssen wir zuerst in den Blick nehmen, wenn wir die Wirtschaftskrise verstehen wollen? Ganz offensichtlich den Wert der Waren. Denn dieser Wert ist ja das Problem. Was gerade noch ein Wert zu sein schien, ist plötzlich kein Wert, ist plötzlich ein Schein-Wert. Der Staat soll ihn halten, den Wert, soll ihn festhalten, damit er nicht verschwindet, soll ihn garantieren. Und jetzt, Sie haben es gehört, ist Griechenland nichts mehr wert. Oder doch? Man weiß es nicht. Es fehlt schlichtweg die Möglichkeit, Wert und Scheinwert klar zu unterscheiden, es fehlt ein Begriff des Wertes, in dem die Wirklichkeit drinnen ist. In Bezug auf den wirtschaftlichen Wert gibt es zwei Definitionen, je nachdem, ob man es mit einem mehr sozialistisch gefärbtem Denker, oder mit einem mehr kapitalistisch gefärbtem Denker zu tun hat. Diese zwei Definitionen werden zwar selten ausgesprochen, aber Sie können sie doch überall durchlesen, je nachdem, ob Sie es eben mit einem Sozialisten, oder mit einem Kapitalisten zu tun haben. Der mehr sozialistisch denkende Theoretiker sagt: Wert, das ist das, was ein Mensch der Natur durch seine Arbeit gibt. Arbeit geht in die Natur hinein, und das macht den Wert. Ihm kommt es also auf die Arbeit an. Der mehr kapitalistisch denkende setzt dagegen: Nein, Wert ist etwas dadurch, dass ich ein Bedürfnis danach habe. Dadurch, dass ich etwas brauche, dass ich es nachfrage, wird es Gegenstand des Wirtschaftslebens, bekommt es einen wirtschaftlicher Wert. Das Interessante ist nun: Wenn Sie gründlich nachdenken über diese beiden Werttheorien, dann kommen Sie, wenn Sie sauber gedacht haben, zu dem Schluss: Beide sind richtig. Es sind beide Definitionen richtig. Es sind aber auch beide falsch. Falsch sind sie nämlich, insofern sie Definitionen sind. Als Definitionen sind sie falsch. Aber als Einseitigkeiten sind sie absolut richtig. Sie sind beide richtig, weil sie beide eine Seite der Sache erfassen. Aber für sich genommen sind sie falsch. Denn nehmen Sie die Perspektive des Sozialisten. Der sagt: Arbeit wird aufgewendet, das ist der Wert. Und jetzt denken Sie sich, wie der Sozialist in seinem Garten steht und Arbeit darauf verwendet, einen Kohl anzubauen. Er gräbt die Erde um, hegt und pflegt den Kohl, erntet ihn, und so weiter. Und dann isst er ihn auf. Hat da eine Wertbildung stattgefunden? In irgendeinem Sinn sicherlich, aber eben nicht im wirtschaftlichen Sinn. Ein wirtschaftlicher Wert ist nicht entstanden. Denn sofern Menschen das, was sie durch Arbeit an der Natur hervorbringen, selber verbrauchen, haben wir keinen Tausch, keinen Preis, kein Geld, kein Kapital – kurz: überhaupt keine Wirtschaft. Wenn der Mensch für sich selber arbeitete, wenn er also verbrauchte, was er durch Arbeit an der Natur hervorbringt, dann wäre der einzelne Mensch autark. Dann wäre der Einzelmensch durch sich selber da. Da hätten wir aber das soziale Leben noch gar nicht betreten. Und deshalb müssen Sie das gerade von dem wirtschaftlichen Wert wegdenken. Sie können es nennen, wie Sie wollen, in wirtschaftlichem Sinn ist das, was ein Mensch durch seine Arbeit hervorbringt, kein Wert, solange er es selber verbraucht, denn dadurch, dass er es selber verbraucht, ist er ja noch gar nicht in Beziehung zu anderen Menschen getreten, hat er das soziale Leben also noch gar nicht betreten. Es muss erst von einem anderen Menschen das Bedürfnis entgegen kommen, wenn der Kohl einen Wert bekommen soll. Ein anderer muss haben wollen, was einer durch Arbeit an der Natur hervorbringt - dann erhält es einen Wert. Wir müssen also zu der Perspektive des Sozialisten die des Kapitalisten hinzunehmen, dann stimmt sie! Und jetzt schauen wir einmal auf die andere Seite. Wie ist es um den Wert des Kapitalisten bestellt? Der Kapitalist sagt: Das Bedürfnis gibt der Sache ihren Wert. Dagegen wird man zurecht einwenden: Ja, ich habe auch ein Bedürfnis nach Luft. Trotzdem gebe ich Dir kein Geld dafür. Denn Du hast die Luft nicht gemacht. Dieser Wert beruht nicht auf Deiner Arbeit. Leistung kann gegen Leistung getauscht werden, aber die Luft ist vor aller Leistung da. Sie ist selbst kein wirtschaftlicher Wert, sondern die natürliche Grundlage aller Wertbildung. Und Sie wissen ja, dass der Kapitalismus diese Tendenz hat, selbst die Luft zur Ware zu machen. Der kapitalistischen Perspektive muss man also die sozialistische hinzufügen, damit sich ihr Wertbegriff nicht im wahrsten Sinn des Wortes in Luft auflöst! Dann stimmt sie aber!

Wie müssen wir den wirtschaftlichen Wert also formulieren? Wir müssen sagen: Wert entsteht da, wo ein Mensch Arbeit aufwendet an der Natur im Hinblick auf das Bedürfnis eines anderen Menschen. Arbeit, an der Natur, im Hinblick auf das Bedürfnis eines anderen Menschen, das ist der wirtschaftliche Wert. Mit so einer Formulierung kommen wir natürlich schwer zurecht, weil sie eben keine Definition ist. Definitionen haben wir gerne, weil wir da in unserem eigenen Gedankenspiel verweilen dürfen. Die Wirklichkeit interessiert das nicht. An die wirklichen Vorgänge kommen wir auf dem Gebiet der Wirtschaft mit Definitionen gar nicht heran. Wir müssen hier vielmehr charakterisieren, was sich uns objektiv zeigt. Wir müssen die Einseitigkeiten zusammennehmen, dann zeigt sich uns so etwas wie ein Bild der Wirklichkeit. Und das ist es, was an dieser Formulierung so schwierig ist. Es ist nämlich die ganze Wirklichkeit in ihr enthalten, das ganze Dynamische, Fluktuierende des wirklichen Lebens. Da ist zunächst der Mensch mit seiner Arbeit, die er gegen die Natur wendet. Diese Arbeit wird er mehr oder weniger geschickt vollbringen, mehr oder weniger wird er die Fähigkeiten haben, die Arbeit zu beherrschen, sie durch seinen Geist zu organisieren. Da haben wir also etwas dynamisches, etwas fluktuierendes, und insofern fluktuiert also der Wert. Dann ist da die Natur. Diese Natur ist lebendig, sie verändert sich, sie ist mehr oder weniger fruchtbar, die Bodenqualität ist mal besser und mal schlechter, das Wetter ändert sich, das Klima ändert sich. Insofern fluktuiert auch hier der Wert. Und schließlich kommt jetzt von der anderen Seite das Bedürfnis an den fluktuierenden, bearbeiteten Naturwert heran, und das Bedürfnis ändert sich auch. Das Bedürfnis ist stärker oder schwächer, es entwickelt sich, und kann da, wo es möglich ist, ein anderes an seiner Stelle zu befriedigen, sogar ganz verschwinden. Arbeit, an der Natur, im Hinblick auf ein menschliches Bedürfnis – da haben wir den wirklichen Wert erfasst, in seiner Dynamik, in seiner Fluktuation. Aber was soll man mit so einer Charakterisierung anfangen? Sie ist eben so beweglich wie die Wirklichkeit selbst. Gerade deshalb kann man mit dieser Charakterisierung aber, wenn man nur konsequent weiter denkt, zu einer exakten Bestimmung des Wirtschaftsprozesses gelangen, die dann sogar Vorhersagen erlaubt.

Wir werden gleich sehen, wie man hier weiter denken an. Zuvor möchte ich mich jedoch einer Erscheinung des sozialen Lebens zuwenden, die nicht aus Arbeit an der Natur im Hinblick auf ein menschliches Bedürfnis hervorgeht, die überhaupt nicht in irgendeiner Art und Weise dem Wirtschaftsleben entspringt, sondern aus ganz anderen Untergründen erwächst. Nehmen Sie an, da steht ein Mensch auf dem Boden und bearbeitet ihn, damit ein Warenwert entsteht. Stellen Sie sich vielleicht einen Bauern vor, wie er durch seine besonderen Fähigkeiten, die er für diesen Beruf eben braucht, mit jenem bestimmten Boden verbunden ist, den er kennt, den er sehr gut kennt, wie er den Rücken krumm macht, wie er den Naturwert verändert, damit dieser Naturwert konsumerabel wird für einen anderen Menschen, damit der Naturwert auch einen wirtschaftlichen Wert erhält. Und jetzt kommt ein anderer und setzt sich an seine Stelle. Der verjagt den Bauern von dem Boden, und sagt: da stehe ich jetzt. Was geschieht? Nun, es geschieht entweder nichts, dann gehört der Boden eben immer dem, der gerade der Stärkste ist. In der Geschichte war es auch einmal so. Dann ist aber auch etwas anderes geschehen. Es hat sich gezeigt, dass die Menschen, die mit dem Bauern wirtschaftlich verbunden waren, mit diesem mitfühlten, dass sie also auch gefühlsmäßig mit dem Bauern verbunden waren. Und es hat sich gezeigt, dass die Menschen, die mit dem Bauern gefühlsmäßig verbunden waren, ein Interesse daran hatten, dass ausgerechnet dieser Mensch auf dem Boden war und nicht ein anderer. Sie sagten sich: es fühlt sich nicht richtig an, dass der andere da drauf ist auf dem Boden, es fühlt sich nur richtig an, wenn jener Bauer drauf ist. Und dieses Gefühl war so stark, dass die Menschen für ihre Gefühle einstanden, und zwar mit Gewalt. Sie vertrieben den Eroberer und schützen so die Arbeit des Bauern.

Der Bauer, der die Gemeinschaft durch seine reale, fähige Verbindung mit dem Boden ernährte, hatte also das Mitgefühl der Gemeinschaft, und genoss deshalb auch ihren Schutz. Bald wurde es nötig, Menschen für diesen Schutz abzustellen, und deshalb vom Bauernberuf oder sonstigem Beruf abzuziehen. Die eigneten sich auch nicht besonders für den Bauernberuf, sondern deren Neigungen und Fähigkeiten machten sie besonders geeignet für den Kampf. So entstand eine frühe Arbeitsteilung, in der die einen vornehmlich Bauern waren, und die anderen Krieger. Die Bauern ernährten die Krieger dafür, dass die Krieger die Bauern beschützen, und die Krieger beschützen die Bauern dafür, dass die Bauern sie ernährten. Da haben wir also in der Geschichte das Moment der Staatsbildung, und damit zugleich gegeben das Moment der Steuererhebung.

Wenn Sie nun nichts weiter in das Wort hineininterpretieren, dann können wir sagen: insofern der Bauer das Mitgefühl der Gemeinschaft hatte, und dadurch also ihren Schutz, um den Boden ungestört bearbeiten zu können, hatte er das Recht an dem Boden. Er war eben derjenige, dem die Gemeinschaft durch ihren Schutz die Möglichkeit gab, den Boden frei zu verwalten, und insofern hatte er das Recht. Wir können uns das selbe in die Gegenwart versetzt denken. Wir können uns denken, wie hier der Boden ist, und wie einer in unserer Mitte den Boden durch seine Fähigkeit verwaltet, ihn so bearbeitet, dass ein Wert entsteht, den wir konsumieren können. Und dann kommt einer, und jagt ihn davon. Da kann es sein, dass wir mitfühlen mit dem fähigen Verwalter des Bodens in unserer Mitte, dass wir für dieses Gefühl sogar einstehen, und es nicht zulassen, dass er verjagt wird, sondern ihn schützen. In der deutschen Sprache haben wir dafür das schöne Wort „Rechtsgefühl“. Und wenn Sie wieder nichts anderes darunter verstehen als eben die Tatsache, dass ein Mensch das Gefühl der Mehrheit für das Rechte, das demokratische Rechtsgefühl auf seiner Seite hat, dann können wir diesen Sachverhalt so bezeichnen: er hat das Recht.

Denken Sie sich aber einmal, was auch geschehen ist und noch geschieht. Denken Sie, da kommt einer, der will den fähigen Nutzer zwar nicht mit Gewalt davon jagen, aber er bietet ihm jetzt Geld für das Recht an dem Boden. Der will einen Koffer voll Geld für das Recht geben, damit er dann das Recht hat. Ist das möglich? Nein, das ist natürlich nicht möglich. Wenn Sie unter Recht zunächst nichts anderes verstehen als das, was durch das Rechtsgefühl der Mehrheit gesetzt ist, dann ist es unmöglich, dieses Recht von einem Geldwert herzuleiten, es zu kaufen. Es ist allerdings möglich, dass einer für das Geld den Schutz der Krieger bekommt, dass er mit dem Geld die Staatsgewalt kaufen kann. Aber das Gefühl der Menschen kann er nicht kaufen. Denn dieses Gefühl gilt jenem bestimmten Menschen, der es durch seine spezielle Fähigkeit versteht, den Boden in einer bestimmten Art und Weise für die Allgemeinheit fruchtbar zu machen. Das Mitgefühl mit diesem Menschen, das so stark ist, dass man sogar mit Gewalt dieses Gefühl einstehen will, dieses Gefühl lässt sich nicht ohne weiteres auf einen anderen Menschen übertragen. Aber man kann die Dinge durch eine hinterlistige Verrichtung so einrichten, dass die staatliche Gewalt jeweils bei dem ist, der gerade das Geld gibt. Das bedeutet aber doch nichts anderes, als dass sich die staatliche Gewalt dann von dem demokratischen Rechtsgefühl löst. Die Staatsgewalt ist dann nicht mehr an das demokratische Recht gebunden. Ich will damit gar nicht irgendetwas Allgemeines über den Staat sagen. Ich denke nur logisch. Ich sage: wenn ich das Recht kaufen kann, beruht das Recht eben nicht auf einem demokratischen Rechtsprozess. Und deshalb haben wir es in allen Ländern, wo es so eingerichtet ist, dass der der Schutz des Staates für Geld zu haben ist, in allen Ländern also, in denen Grund und Boden käuflich ist, nicht mit Demokratien zu tun. In diesem Ländern liegt das Gewaltmonopol nicht beim demokratischen Staat. Und deshalb ist Deutschland auch keine Demokratie. Das ist ein Fakt.

Sie können natürlich sagen: wir stimmen demokratisch ab, dass das Recht bei dem liegt, der es gekauft hat. Aber das können Sie eben doch nicht, ohne das Recht aufzuheben. Es ist möglich, alles und jedes zum Gegenstand einer Abstimmung zu machen, aber damit schaffen Sie doch kein Recht. Das ist das, was man heute nicht verstehen will. Es gibt Dinge, die können gar nicht beschlossen werden. Und so ist das auch hier. Denn sehen Sie: Wenn Sie unter Recht das verstehen, was das Rechtsgefühl der Mehrheit spricht, können Sie gar nicht beschließen, dass das Recht bei dem ist, der das Geld dafür bietet. Ein solcher demokratischer Beschluss nimmt sich gegenüber der Demokratie so aus, wie das Kaufladen-Spiel der Kinder gegenüber der Wirtschaft. Der ist gar nicht real. Ich will mich verständlich machen: Die deutsche Bank hat vor einigen Jahren das Grundstück gekauft, auf dem das Theater am Kudamm steht, zusammen mit weiteren Gebäude auf diesem Grundstück. Dann hat sie das Grundstück an Fortress verkauft, einem amerikanischen Investor, der sein Geld mit Pferdewetten machte. Fortress hat das Grundstück wiederum nach Irland an die Ballymore Group verkauft. Und von Irland aus gesehen sieht es jetzt so aus, als ob es in Berlin am Kudamm kein Theater braucht. Die Ballymore Group findet, da braucht es ein Hotel. Die Menschen vor Ort in Berlin sehen das anders, sie gehen auf die Straße und demonstrieren. Ihr Rechtsgefühl liegt bei den Betreibern des Theaters. Aber die Staatsgewalt liegt bei der Ballyomore Group. Das ist die Realität. Sehen Sie, um nichts anderes geht es doch auch bei Stuttgart 21. Ob da jetzt ein Durchgangsbahnhof gebaut wird, oder ob ein Sackbahnhof gebaut wird, darum geht es doch gar nicht mehr. Das ist nur die Oberfläche. Dahinter steht das entsetzliche Erlebnis: die Gewalt liegt nicht beim demokratischen Staat. Es ist das Rechtsgefühl der Menschen, das sich hier zu Wort meldet, und es gerät in einen Konflikt mit der Staatsgewalt, weil die Gewalttäter glauben, etwas anderes als Recht definieren zu können als das, was sich aus dem demokratischen Rechtsgefühl ergibt. Sie haben ja gesehen, wie die Polizei die demokratisch fühlenden Menschen zusammen prügelt. Also, sie können natürlich alles mögliche beschließen und in Bücher schreiben, meinetwegen können Sie auch reinschreiben, dass Rechte käuflich seien. Sie sind es eben trotzdem nicht. Das eine ist die Theorie, das andere ist die Realität des Rechtsgefühls. Und wenn Sie das Recht bloß theoretisch nehmen, wenn Sie theoretisieren, man könne demokratisch festlegen, dass das Recht zu dem wandere, der es kauft, dann ist eben die Realität, dass die Polizei die demokratisch empfindenden Menschen zusammenprügelt. So ergeht es dann dem Recht.

Mit dem Rechtsgefühl ist es wie mit allen Gefühlen: wir verstehen nicht, was das Gefühl zu uns spricht. Undeutlich drängt sich da etwas an uns heran, meist nicht einmal das Gefühl, sondern das verletzte Gefühl. Ich bemühe mich darum, Klarheit in meine Gefühle zu bringen. Sehr klar habe ich mittlerweile, was mein Rechtsgefühl zu mir spricht. Ich will Ihnen sagen, was mein Rechtsgefühl zu mir spricht: Mein Rechtsgefühl lässt sich nicht kaufen. Was ich für Rechtens erachte, ist nicht davon abhängig, ob mir jemand Geld dafür bietet oder nicht. Wenn ich einen Grund dafür angeben soll, warum ich den einen Menschen für den rechtmäßigen Besitzer des Bodens erachte, den anderen dagegen nicht, dann muss ich sagen: Der rechtmäßige Besitzer ist derjenige, der am ehesten über die Fähigkeiten verfügt, die Sache im Interesse der Allgemeinheit zu verwalten. Das spricht mein Rechtsgefühl zu mir. Wie ist es bei Ihnen? Was spricht Ihr Rechtsgefühl?

Wir könnten jetzt darüber abstimmen und sehen, ob sich eine Mehrheit für dieses Gesetz findet, ob das Rechtsgefühl einer demokratischen Mehrheit spricht: Der Boden ist unverkäuflich. Rechtmäßiger Besitzer des Bodens ist immer jeweils derjenige, der ihn am ehesten im Interesse der Gemeinschaft zu verwalten weiß. Es könnte sein, dass sich dann durch die Abstimmung erweist, dass ich soeben das aller richtigste über das demokratische Recht gesagt habe. Möglich wäre trotzdem, dass ich damit das Unsinnigste für die Wirtschaft gefordert habe. Es ist durchaus denkbar, dass dasjenige, was ich aus meinem Rechtsgefühl heraus unbedingt fordern muss, eine unmögliche Forderung für die Wirtschaft ist. Zum Beispiel könnte man glauben: Für die Wirtschaft ist es wichtig, dass Menschen Rechte kaufen können, dass da investiert wird, dass zum Beispiel das schöne Kapital der Ballymore Group nach Deutschland kommt. Das schafft Werte für das Allgemeinwohl! Und es ist doch auch etwas Wert, dass die Ballymore Group ein Hotel bauen will? Das dient der Allgemeinheit! Ja, sie lachen, aber so denkt doch der Durchschnittsbürger. Und gegenwärtig hat er sogar Recht damit. Im Augenblick leben wir schon von der Gnade des Kapitals, sich herabzulassen und unser Rechtsgefühl zu korrumpieren. So ist es. Aber – das möchte ich Sie jetzt einmal fragen – wieso ist die Allgemeinheit dann nicht auf Seiten der Ballymore Group? Wenn es der Allgemeinheit dient, warum ist die Allgemeinheit dann nicht auf Seiten des Kapitals?

Ganz einfach aus diesem Grund: Weil es etwas anderes ist, in ein Theater zu gehen und sich ein Theaterstück anzusehen, oder in ein Hotel zu gehen und sich schlafen zu legen. In ein Theater gehen und sich ein Theaterstück ansehen, oder ins Hotel gehen und sich ins Bett legen, das sind zwei verschiedene Dinge. Oder etwa nicht? Für den Käufer eines Rechtes ist jedoch beides das selbe. Es muss für ihn beides das selbe sein, denn für ihn geht es um die Frage: werde ich das Recht nachher teurer oder billiger verkaufen? Und er wird das Recht an einem Hotel in der Regel teurer verkaufen können als das Recht an einem Theater, denn bei einem Theater, das weiß jeder, zahlt man drauf. Er kennt nur die Quantität, und nicht die Qualität, notwendigerweise - so muss sich ihm die Sache darstellen. Und deshalb sitzt morgen da, wo heute die Kultureinrichtung steht, McDonalds, deswegen macht der Fachhändler dem Shoppingcenter platz, weil das alles das selbe ist, vom Käufer des Rechts her gesehen. Was dem Wohl der Menschen dient, was sie brauchen, das sind jedoch konkrete Werte. Ganz konkrete Dinge sind das. Und es ist schon deshalb einfach furchtbar dumm, wenn einer behauptet, die Käuflichkeit des Rechtes diene dem Allgemeinwohl. Denn was dem Allgemeinwohl dient, dass sind verschiedene, konkrete Werte. Eine zweite Frage ist dann erst die Frage nach dem Preis dieser Werte. Das ist eine ganz andere Frage. Für den Käufers eines Rechtes ist jedoch beides das selbe, denn für ihn ist ja notwendigerweise der „Wert“ identisch mit dem „Preis“. Das ist das Problem. Dieses Gleichsetzen von „Wert“ und „Preis“, das ist nämlich die Finanzkrise.

Wir müssen also noch ein Stück tiefer eindringen in die Wirtschaft. Wir müssen verstehen, wenigstens anfänglich, was der Unterschied zwischen Wert und Preis ist, und wie beide wiederum zusammenhängen. Das müssen wir können, wenn wir die Finanzkrise verstehen wollen. Nun, das erste, der Wert, so hatte ich gesagt, ist zunächst das, was aus Arbeit an der Natur im Hinblick auf das Bedürfnis eines anderen Menschen hervorgeht. In dieser Formulierung ist ja eine Zweiseitigkeit drinnen. Denn wenn der arbeitende Mensch selber aufisst, was er an der Natur hervorbringt, findet keine Wertschöpfung statt. Nein, er muss die Natur im Hinblick auf das Bedürfnis eines anderen Menschen bearbeiten, wenn diese einen Wert bekommen soll im wirtschaftlichen Sinn. Jetzt können wir uns aber fragen: Was ist denn dazu nötig, dass der arbeitende Mensch das abgeben kann, was er erzeugt, dass er es nicht für sich behalten muss? Dazu ist nötig, dass seine Bedürfnisse in der Zeit, in der er die Bedürfnisse anderer befriedigt, umgekehrt von anderen befriedigt werden. Wenn er das Erzeugnis seiner Arbeit nicht selber aufessen, sondern abgeben soll an andere, muss er umgekehrt dafür von anderen ernährt werden. Mit anderen Worten: der Wert, den er hervorbringt, muss einen Gegenwert bekommen. Und dieses Tauschverhältnis der Werte, das ist zunächst der Preis, von dieser Seite aufgefasst. Wie hoch muss der Preis sein? Das lässt sich ganz exakt bestimmen. Damit jener bestimmte Mensch an jenem bestimmten Ort stehen und jenen bestimmten Wert erzeugen und auch abgeben kann, muss der Wert auch einen ganz bestimmten Gegenwert bekommen. Und zwar muss der arbeitende Mensch von dem Gegenwert seines Erzeugnisses so lange sämtliche Bedürfnisse befriedigen können, bis er ein vergleichbares Erzeugnis erneut anbieten kann. Das muss der Preis ermöglichen. Sie sehen: der Preis einer Ware richtet sich nach der Zukunft. Wenn man das ausspricht, sagen manche, die über eine gewisse Erfahrung im Wirtschaftsleben verfügen: das ist ja ganz selbstverständlich, dass sich der Preis einer Ware nicht nach der Vergangenheit richtet, sondern nach der Zukunft. Andere finden das ganz unverständlich. Sie haben sich daran gewöhnt, jedes mal, wenn sie eine Ware bezahlen, zu denken: ich ersetze dem Produzenten dafür die Kosten, die er gehabt hat. Das ist natürlich Quatsch. Das ist ein richtiger Unfug, so etwas zu denken. Denn der Produzent muss berechnen, was er in Zukunft verbrauchen wird. Er muss den Preis so setzen, dass er konsumieren kann, bis wieder ein vergleichbares Produkt da ist, und wenn er den Preis anders berechnet, kann er den Laden zu machen. Es müssen die zukünftigen Kosten für die Erzeugung eines Wertes ersetzt werden, damit dieser Wert in die Zukunft hinein erzeugt werden kann, damit er morgen wieder da ist, der Wert, damit der Produzent morgen noch an seinem Platz steht und eben jenen konkreten Wert hervorbringt. Höchstens kann es sein, dass etwas scheinbar aus der Vergangenheit hereinragt, sofern der Produzent nämlich etwas schuldig geblieben ist. Aber das ist ja eine andere Frage.

Und jetzt – Sie haben es vielleicht schon gemerkt – hat sich etwas umgedreht. Jetzt haben wir zwei Begriffe, Preis und die Wert, aber das Vorhandensein der Wertes ist plötzlich abhängig von den richtigen Preisen. Die Werte müssen eine Be-Wertung erfahren, die es ermöglicht, dass sie da sein können, wenn sie aufgrund irgendeines Bedürfnisses eben da sein sollen. Und das ist eine der großen, heute noch gar nicht richtig formulierten Fragen des Wirtschaftslebens. Sie ist aber trotzdem da, diese Frage, durch das furchtbare Chaos dieser Wirtschaft wird diese Frage vor uns hingestellt. Sie lautet: Wie erfassen wir die objektiven Wertverhältnisse, und wie erzeugen wir dann im Hinblick auf die objektiven Wertverhältnisse auch diejenigen Preisverhältnisse, welche eben die objektiven Werte treffen? Denn die Werte sind ja durchaus objektiv, je nachdem, was die Fähigkeit, was die Natur, und was das Bedürfnis setzt. Dieses gesetzt, braucht es ein bestimmtes mengenmäßiges Tauschverhältnis zwischen meinetwegen Brot, Textilien und Stahl. Ist das Tauschverhältnis anders, passt es nicht zu dem objektiven Wert dieser Güter, stirbt ein Mensch. Ganz real ist dieser wirtschaftliche Wert.

Lassen Sie mich nachsehen, ich habe hier in meiner Tasche 40 Cent. Ich überlege, was ich mir damit kaufen soll. Ich sehe: der Bäcker will 20 Cent für sein Brötchen, und der Gärtner für eine Blume auch 20 Cent. Sagen wir, ich habe gerade eben gegessen, und bin satt. Ich denke also: Wenn ich mir jetzt die Blume kaufe, dann habe ich jetzt was Schönes zum Angucken, und das Brötchen kann ich mir dann morgen immer noch kaufen, sobald ich wieder Hunger habe. So rechnet jeder von uns für gewöhnlich, nicht war? Jeder haushaltet in dieser Weise. Und deshalb verrechnen wir uns in einem fort. Denn wenn ich jetzt dem Gärtner 20 Cent gebe, gibt der Gärtner diese 20 Cent ja aus, das heisst, der Gärtner konsumiert in dieser Zeit und kann deshalb erneut Blumen bereit stellen. Der Bäcker gibt meine 20 Cent dann nicht aus, der konsumiert dann das Entsprechende nicht. In der einen Branche kann mehr, in der anderen weniger gearbeitet werden. Und deshalb ist das Brötchen morgen teurer, wenn ich heute die Blume kaufe. Wenn ich dagegen heute das Brötchen kaufe, ist morgen die Blume teurer. Natürlich, zuerst muss der Bäcker das Brötchen billiger machen, bevor er es wegschmeisst, aber dass er das tun muss, das wird sich langfristig so auswirken, dass das Brötchen teurer wird. Bei 20 Cent fällt das natürlich nicht ins Gewicht. Ich kann ja nur in einem Bild sagen, worum es geht. Und dann stellt sich doch die Frage: wie steht das objektive Wertverhältnis zwischen Blume und Brötchen, gemessen an meinen Bedürfnissen, zu den Preisverhältnissen, die ich durch meine Handlungen erzeuge, die ich heute eben vollkommen unbewusst erzeuge? Die objektiven Wertverhältnisse müssen erfasst und dann richtig be-wertet werden. Mit „richtig“ meine ich gar nichts moralisches oder so, ich meine nur die banale Tatsache, dass eine Wert in einer ganz bestimmten Weise bewertet werden muss, um überhaupt da zu sein. Im Augenblick hat kein Mensch die Möglichkeit, etwas über das Wertverhältnis der Waren in Erfahrung zu bringen, und deshalb ist heute schon die simpelste wirtschaftliche Rechnung spekulativ. Selbst Ihren eigenen Haushalt können Sie gar nicht realistisch berechnen. Und das erzeugt das Chaos, das erzeugt die Not. Wenn Sie das äußerlich greifen wollen, denken Sie zum Beispiel an die Lebensmittelkrise von 2007. Da haben Menschen Biosprit gekauft. Deshalb haben Energiepflanzen-Erzeuger mehr konsumieren können, aber Nahrungsmittelerzeuger dafür weniger. Die Folge war, dass die Nahrungsmittel in der dritten Welt bis zu 180% teurer wurden. Das hat vielen Menschen das Leben gekostet. Sie mussten sterben, weil die Preisverhältnisse nicht die objektiven Wertverhältnisse getroffen haben. Und da wurden eben zunächst durch die falsche Be-Wertung der Werte Arbeitskräfte an der falschen Stelle gebunden. Das hat die Preisverhältnisse erzeugt, die dann vielen Menschen das Leben gekostet haben, und das hat ja dann erst die Banken auf den Plan gerufen, dahinter auch die vielen kleinen Sparer in Deutschland, die dann die verbleibenden Nahrungsmittel aufkauften und die Hungernden erpressten, was das Elend dann weiter vergrößerte. Aber zunächst wurde das Getreide teuer, bedingt durch das zahlenmäßige Verhältnis der Arbeiter in den Branchen. Durch eine entsprechende Bewegung des Kapitals, durch entsprechende Lenkung der Arbeitskräfte hätte man leicht gegensteuern und die Preisverhältnisse wieder an die Wertverhältnisse anpassen können. Denn die Preisverhältnisse hängen eben ab von dem zahlenmäßigen Verhältnis der Anzahl der Arbeiter in den jeweiligen Branchen zueinander.

Nehmen sie es als Tatsache hin, dass die Preisverhältnisse von der Anzahl der Arbeiter abhängen, und zwar so, dass eine Ware eben nicht teurer, sondern billiger wird, je mehr Menschen diese Ware produzieren. Das ist eine Tatsche, die niemand bestreiten kann, nur wird es eben kompliziert, zu erklären, warum das so ist. So weit müssen wir jetzt nicht gehen. Wichtig ist erstmal nur, dass Sie sehen: es gibt einen Unterschied zwischen Wert und Preis, und wenn man das unterscheiden kann, dann wird man auch das eigentliche wirtschaftliche Problem angehen können, dann gilt es nämlich, den Preis zu finden, der ermöglicht, dass der jeweilige Wert überhaupt da ist. Und dazu ist es dann nötig, in Kenntnis der objektiven Wertverhältnisse, so, wie diese durch Bedürfnis und Fähigkeit gesetzt sind, ganz beweglich mal eine Branche zu vergrößern, und sie dann auch wieder zu verkleinern, also Arbeiter hin- und herzuleiten, sprich: die Einkommensmöglichkeit, das Kapital, nicht nur im Hinblick auf die Statistik der Preise, sondern unter wirklicher Kenntnis des zu erreichenden Preisverhältnisses zu bewegen. Darum geht es in der Wirtschaft, ob bewusst oder unbewusst. Rudolf Steiner wollte dieses Problem ins Bewusstsein heben, und ganz praktisch lösen, nämlich durch Bildung von Konsumentenverbänden, in denen die verschiedenen Interessen sich aneinander „abschleifen“ sollten, wie er das nannte, damit das objektive Wertverhältnis der Waren sichtbar werden könnte – und zwar vor der Produktion. Daran sollten sich Betriebsräte schließen, und zwar ganz besondere Betriebsräte, nämlich keine betriebsinternen, sondern betriebsübergreifende Betriebsräte. Von dieser Seite her sollte die Information kommen, welche Preise in welcher Branche überhaupt möglich sind. Und da wird es natürlich wieder kompliziert. Denn was ist dazu nötig, um den möglichen Preis einer Ware zu kennen? Dazu braucht es zunächst das, was nur der jeweilige Produzent selber beurteilen kann. Es braucht sein ganz individuelles Urteil darüber, wie sich die natürlichen Bedingungen der Produktion ändern, welche Bedürfnisse er zu befriedigen hat, und wer weiß, vielleicht hat sich ja auf der Fähigkeitsseite auch etwas verändert, vielleicht wurde eine Erfindung gemacht, die Kosten spart? Jedenfalls, der Produzent muss sagen: zu diesem und jenem Preis werde ich die Ware anbieten können. Dieses individuelle Urteil des Produzenten braucht es, und zwar braucht es dieses Urteil von jedem Produzenten an seinem Platz, also von jedem Menschen. Es braucht das individuellen Urteil jedes Einzelnen darüber, was er vor Ort wahrnehmen, was er für Bedürfnisse befriedigen will, wie er die Möglichkeiten der Produktion einschätzt. Aber alle diese Urteile sind falsch. Es braucht sie trotzdem, aber sie sind alle falsch. Denn wenn der Produzent sagt: die Ware werde ich morgen zu diesem und jenem Preis anbieten können, dann kann er das ja nur deshalb behaupten, weil er mit den Preisen der Waren rechnet, die er seinerseits kaufen muss, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Und diese Preise hängen nicht von seinem Urteil, sondern von den Urteilen der Produzenten jener anderen Waren ab, die er ja kaufen muss. Wenn einer also behauptet: zu diesem oder jenem Preis werde ich die Ware anbieten können, dann ist das nur wahr, insofern alle anderen Urteile integriert sind. Das ist das Problem. In der Wirtschaft brauchen wir die Rechenmethode der Integration, noch in einer ganz anderen Weise, als wir das heute ausgebildet haben, nämlich nicht theoretisch, sondern real durch kommunikative Zusammenfassung der Produktionsbereiche, der Konsumentenverbände, der Händler. Denn es ist doch klar: wenn sich das Urteil desjenigen ändert, von dem ich kaufe, muss sich auch mein eigenes Urteil ändern, und das ändert dann alles. Da kommen wir eben in ein Gebiet hinein, das heute noch kaum verstanden werden kann, das sich deshalb heute unbewusst vollzieht, wie eine Kettenreaktion abläuft, so dass dann jedes mal ein Glied einfach weg bricht, ohne dass man das kommen sieht. Man wird es in Zukunft kommen sehen, und man wird dann auch gegensteuern können, wenn man nicht mehr nur den Einzelnen mit seinem Individualurteil hat, sondern wenn man die Möglichkeit schafft, dass die Individualurteile zusammengefasst werden können zu einem Kollektivurteil, vernetzt werden, so dass sie in ihrer Bedingtheit erfasst werden können.

Die gegenwärtige Wirtschaftswissenschaft will nur zu gucken, will auf die Preise von außen drauf gucken, und anhand der Preisentwicklungen an irgendeiner Stelle Prognosen für das Wohl und Wehe einer Volkswirtschaft erstellen. Sie spüren ja am eigenen Leib, was dabei heraus kommt. Das geht eben gar nicht, und zwar deshalb nicht, weil es auf wirtschaftlichem Gebiet keine theoretischen Urteile gibt, sondern hier sind die Urteile der Menschen real wirksam. Wenn der Einzelne urteilt: dies und jenes muss es kosten, dann ist es irrelevant, ob das theoretisch richtig ist. Es ist auch egal, wie wir das moralisch finden, was einer nachfragt. Das wirkt dann nämlich. Die Urteile der Menschen wirken hier zusammen, und zusammen bewirken sie unsere Existenz, oder eben unsere Nicht-Existenz. Und wie die Urteile sich bedingen, das muss erfasst werden. Das kann aber ohne eine entsprechende Organisation nicht erfasst werden, der Einzelne müsste dafür ja aus seiner Haut fahren und in jedem anderen Menschen drinnen stecken, müsste deren Bedürfnisse und Fähigkeiten alle zugleich selber sein. Das geht nicht. Hier kann nur das Kollektivurteil überhaupt etwas richtiges sagen. Und soll eines Tages irgendwie eine Entscheidung möglich werden, welcher Schritt zu einem bestimmten Zeitpunkt der volkswirtschaftlich richtige Schritt ist, dann muss die Wechselwirkung der Urteile sichtbar werden können. Heute urteilen wir einfach ins Blaue hinein, weil wir die Prämisse für die Richtigkeit unseres eigenen Urteils, nämlich die Urteile der anderen Marktteilnehmer, nicht kennen. Rudolf Steiner wollte das ändern, er wollte der Urteilskraft jedes Einzelnen eine sichere Grundlage geben. Dazu sollten sich zunächst die Betriebe vernetzen, es sollten betriebsübergreifende Betriebsräte entstehen, und diese Betriebsräte sollten sich wiederum zu branchenübergreifenden Räten zusammenschließen, so dass die gesamte Wirtschaft eines bestimmten Gebietes miteinander vernetzt wäre, vernetzt wäre durch den Austausch von Informationen. An dieses Netzwerk sollten sich wiederum Konsumentenverbände schließen, sodass jeder Produzent, ja auch jeder Kreditgeber wissen würde, was gebraucht, was zu welchem Preis gekauft werden wird. Eine „Assoziation“ nannte Rudolf Steiner ein solches Wahrnehmungsorgan für die Wirtschaft. Es sollte jeder Mensch an seinem Platz bewusstseinsmäßig verbunden sein mit dem anderen, damit er richtige Urteile über den Wirtschaftsprozess fällen kann, damit jeder wissen kann: wenn ich dieses oder jenes arbeite oder konsumiere, zu diesem oder jenem Preis, hat es gesamtwirtschaftlich exakt diese und jene Auswirkungen. Ab 1919 versuchte Rudolf Steiner, das ganz praktisch umzusetzen, als Rädelsführer der Betriebsrätebewegung, als Gründer der Holding „Der kommende Tag“, die ganz gegensätzliche Branchen vereinte, und auf verschiedenen anderen Wegen.

Das ist natürlich schwierig. Man kann und muss hier weiterdenken, aber was ich gesagt habe, reicht doch schon, damit Sie verstehen können, wie kompliziert es wird, wenn wir in das wirtschaftliche Gebiet tiefer hinein gehen mit unserem Denken. Da brauchen wir einen klaren, kalten Verstand. Da darf nicht der Hauch eines Gefühls den Verstand trüben. Wenn wir hier ein Ideal formulieren wollen, dann das Ideal der Gerechtigkeit, das Ideal der Brüderlichkeit. Daran kann man natürlich auch wieder wunderbar sein Herz erwärmen. Wirklich vorhanden ist die Brüderlichkeit jedoch nur in dem Maß, in dem der kalte Sachverstand hinzutritt, und Wege findet, sich im Wirtschaftsleben zu betätigen. Aber auf gar keinen Fall dürfen wir irgendwie mit dem Gefühl hineinschlagen in das Wirtschaftsleben! Das wissen die Praktiker, das wissen die Menschen, die unternehmerisch tätig sind im Wirtschaftsleben, und deswegen zieht es denen alles zusammen, wenn ich ihnen mit dem Rechtsgefühl komme. Das können wir verstehen! Es ist sogar ganz richtig, wenn der Unternehmer erstmal sehr skeptisch ist gegenüber dem, was ich über die Gefühle ausgeführt habe. Und doch beruht das dann auf einem Missverständnis. Denn was habe ich eigentlich gesagt? Ich habe nicht gesagt, wir sollen hineingehen mit dem Gefühl in die Wirtschaft, sondern ich habe das Gegenteil gesagt! Ich sagte: Wir müssen endlich heraus mit dem Gefühl aus der Wirtschaft, wir müssen uns gefühlsmäßig herausziehen, denn das Gefühl hat mit dem Wirtschaftsprozess gar nichts zu tun. Das Rechtsgefühl ist hineingeraten in die Wirtschaft, wir müssen es herausholen und auf seinen eigenen, selbständigen Boden stellen, denn da gehört es hin. Heute ist mit dem Recht etwas hineingemischt in den Wirtschaftsprozess, das gar nicht dem Wirtschaftsprozess entspringt, sondern auf einem Gefühl beruht. Im Wirtschaftsprozess wird das Gefühl aber verletzt. Und diese Gefühlsverletzung ruft dann das Hineinschlagen-Wollen in die Wirtschaft hervor, das Hineinschlagen-Wollen mit der Staatsgewalt in die Wirtschaft. Und die ganzen Fragen, die endlich einmal rein wirtschaftlich gestellt werden müssen, weil davon das Leben und Überleben der Menschen abhängt, die können dann nicht mehr gestellt werden, wenn das Gefühl hineinpfuscht. Gerade weil heute mit dem Recht gewissermaßen Gefühlswerte mit den Waren mitzirkulieren, ebenso gehandelt, ebenso verkauft werden, als wären sie selbst auch Waren, schlägt das Gefühl blind in die Wirtschaft hinein. Daher kommt der Aufruhr, daher kommt die Revolution. Das Gefühl schlägt nicht mehr stümperhaft in die Wirtschaft hinein, wenn es bei sich selber sein darf. Und es muss bei sich selber sein, wenn der Verstand in der Wirtschaft arbeiten soll. Sie haben gesehen, was für einen Verstand wir eigentlich heute in der Wirtschaft brauchen. Dieser Verstand kann eben nicht arbeiten, wenn er dauernd vom Gefühl vernebelt ist. Und das dauernde Vernebelt-werden von einem Gefühlswert, so will ich es jetzt mal nennen, weil ich keine andere Worte dafür habe, das ist der Scheinwert. Der Scheinwert entsteht immer da, wo etwas im Warenverkehr mitgetauscht wird, was aber gar nicht getauscht werden kann, weil es lediglich auf einem Gefühl beruht. Ich will Ihnen das an einem Bild verständlich machen.

(Johannes Mosmann malt mit weißer Kreide einen großen, leeren Kreis an die Tafel).

Das ist der Mond. Er ist schön dieser Mond, denn es ist Vollmond heute Abend. Hier unten auf der Erde stehen zwei Menschen, denen gefällt er auch. „Schön, der Mond heute Abend“ sagt der eine zum anderen. Der andere sagt: „Stimmt, schön ist er. Wusstest Du übrigens, dass es mein Mond ist, dass er mir gehört, der Mond?“ „Nein, das ist aber schade, so ein schöner Mond. Ich will ihn auch haben. Hier, ich gebe Dir Geld für den Mond, 20 Millionen.“ Und so wechselt eine große Summe Geld den Besitzer, und der andere bekommt dafür – ja, was bekommt er dafür? Sehen Sie, hier ist ein Bruch. Ein Teil des Prozesses, den ich eben beschrieben habe, kann wirklich stattfinden, findet auch so, in abgewandelter Form, wirklich statt, ein anderer Teil aber findet nur im Kopf statt, kann niemals real passieren. Das ist ein bloßes Gedankenspiel. Und dass die wenigsten Menschen heute diese Grenze fassen können, die Grenze zwischen Wirklichkeit und bloßem Gedankenspiel, das ist die Finanzkrise.

Versuchen wir einmal, zu erfassen, was hier wirklich geschehen ist. Sehen wir zunächst auf die Seite desjenigen, der das Geld bekommen hat für den Mond. Was macht der jetzt mit dem Geld? Er konsumiert. Aber was tut er in der Zeit, in der er konsumiert? Ja, das ist im Grunde genommen ganz egal. Er kann tanzen gehen. Da ist er ganz frei. Etwas anderes ist es, wenn er das Geld nicht für das Recht an dem Mond bekommt, sondern zum Beispiel für einen Schuh, weil er Schuster ist. Dann konsumiert er ebenfalls. Aber er muss dann etwas ganz bestimmtes tun in der Zeit, in der er konsumiert: er muss einen neuen Schuh machen. Sonst ist er morgen eben kein Schuster mehr, und muss hungern. Daran misst sich sogar die Höhe des Betrages, den er für den Schuh bekommt: der Schuster muss mit Hilfe dieses Betrages als Schuster leben können, muss morgen auch wieder Schuhe anbieten können. Wenn also der Schuster Geld für einen Schuh bekommt, dann ist das nicht freilassend, denn der Schuh ist nicht ohne den Schuster da, und der Schuster nicht ohne den Schuh. Der aber, der jetzt das Geld „für“ das Recht an dem Mond bekommt, der hat mit dem Mond nichts zu schaffen. Er muss für das Vorhandensein des Mondes ja nichts weiter tun, denn der Mond ist auch ohne ihn da. Es gibt hier schlicht keinen wirklichen Zusammenhang zwischen der Sache und dem Menschen, der Geld „für“ die Sache verlangt. Der Konsum des Geldempfängers ist geschenkt, so muss man es sagen, das ist geschenkt, denn es ist ja egal, was der für das Geld tut, für den Mond kann er jedenfalls nichts tun.

Sehen wir auf die andere Seite, sehen wir auf die Seite dessen, der vermeintlich Geld „für“ etwas gegeben hat. Was hat er für sein Geld bekommen? (Johannes Mosmann weist auf den Kreis an der Tafel). Was hat er für sein Geld bekommen? Na, nichts hat er bekommen. Das Recht an dem Mond. Was ist das denn? Das ist selber nichts wert. Einen Warenwert bekommt der Mond ja erst wieder durch Arbeit im Hinblick auf ein Bedürfnis, wenn der Rechteinhaber also zum Beispiel da hinauffliegt und arbeitet, den Naturwert für irgendein vorhandenes Bedürfnis verändert. Aber das Recht selber beruht ja bloß auf dem Schutz der Gemeinschaft. Es ist an sich gar nichts wert. Erst das, was der Rechteinhaber durch Arbeit an der Natur vielleicht hervorbringt, weil er das Recht hat, weil seine Arbeit vom Staat geschützt wird, das ist dann erst wieder ein wirtschaftlicher Wert, sofern natürlich von der anderen Seite ein entsprechendes Bedürfnis entgegenkommt. Insofern kann man dann natürlich behaupten, das Recht habe einen abgeleiteten Wert. Aber an sich ist das Recht niemals etwas wert. Wer für das bloße Recht Geld bezahlt, der kauft nicht, sondern der verschenkt sein Geld. Nur - das weiß jetzt derjenige nicht, der hier Geld für den Mond gegeben hat. Der glaubt, er habe etwas gekauft. Und er will, dass es etwas wert ist, was er gekauft hat. Er weiß nicht, dass er sein Geld bloß verschenkt hat. Und deshalb gibt er dem Recht jetzt einen Preis. Und dieser Preis ist dann der Ausdruck seiner Erwartungshaltung. Sehen Sie, genau das ist der Scheinwert. Denn dieser Preis, der ist jetzt etwas ganz anderes als der Preis einer Ware. Das ist nur Ausdruck eines Wunsches, etwas geschenkt zu bekommen, aber dahinter steht nichts. Es gibt nichts, auf das sich der Preis beziehen könnte. Der hängt in der Luft. Er ist bloß Ausdruck einer Täuschung, Ausdruck des Nichtwissens, dass man sein Geld soeben verschenkt hat. Das Geld ist weg. Und der Rechteinhaber kann nur wieder Geld „für“ sein Recht bekommen, indem er sich seinerseits etwas schenken lässt. Er muss einen finden, der ihm auch wieder schenkt, und der muss wieder einen finden, und der wieder einen, und so weiter. Das ist ein Schenk-Kreis. Überall da, wo Rechte, ob an Grundstücken, Patenten, Unternehmen oder was auch immer, gehandelt werden, haben wir es in Wahrheit mit Schenk-Kreisen zu tun. Und irgendwann hat dann natürlich einer sehr viel Geld verschenkt und möchte gerne auch beschenkt werden - aber da kommt keiner mehr. Da wird für einen Augenblick sichtbar, was der Preis für das Recht in Wahrheit ist.

Die wenigsten Menschen können heute auseinanderhalten, was bloß in ihrem Kopf stattfindet, was sie sich bloß einbilden, und was im sozialen Leben wirklich geschieht. Wirklich findet in dem Augenblick, da irgendein Recht bezahlt wird, da Grund und Boden, Aktien, Patente, Gene usw. gehandelt werden, keine Wertschöpfung statt, sondern nur eine Umbuchung der vorhandenen Werte. Das Recht fungiert als eine Art Münze, über die das, was schon da ist an Werten, was auf menschlicher Arbeit beruht, einfach neu zugeordnet wird. Es werden einfach die Ansprüche auf die vorhandenen Werte vermehrt und umverteilt, ohne dass die Werte selber vermehrt werden. Deshalb ist es auch Unfug, wenn einer sagt, er habe zum Beispiel Aktien gekauft. Da wird nicht gekauft, auf dem Aktienmarkt, da wird nur geschenkt. Aber das wissen die wenigsten. Goldman Sachs weiß das, JP Morgan weiß das. Die deutschen Banken, die deutschen Wirtschaftswissenschaftler wissen das nicht. Die rechnen mit den Preisen für Rechte genau so wie mit den Preisen für Waren, die glauben wirklich, der Boden zum Beispiel, dieser Boden sei auch eine Ware. Und so zählen die einfach zusammen, Spanien verkauft Oliven, Spanien verkauft Grundstücke, ist zusammen viel Geld, ist zusammen viel Wert! „Wirtschaftliche Kennzahlen“ nennen sie das dann und bauen darauf. Aber das ist eben eine Illusion, denn das eine ist ein Warenwert, das andere aber ist ein Recht. Beides lässt sich nicht addieren, lässt sich auch überhaupt nicht irgendwie miteinander vergleichen.

Wie kann das Recht selber einen Wert bekommen? Es kann nur indirekt einen Wert bekommen, dadurch, dass einer das Recht ausübt, dass einer das Recht an dem Boden nutzt, um den Boden zu bearbeiten. Daher, von der Arbeit an der Natur im Hinblick auf das Bedürfnis eines anderen Menschen, da muss es letztendlich herkommen, und da kommt letztendlich auch alles her. Und deshalb ist es so furchtbar, wenn die Blase platzt, auch wenn sie nur ein Schein ist, denn dann drückt der Schein schwer auf die Schultern der tatsächlich arbeitenden Menschen, auf deren Arbeitserzeugnisse sich die Wünsche der Rechteinhaber beziehen. Wenn die Blase platzt, wenn der letzte Käufer des Rechts keinen Nachfolger mehr findet, dann kann dieser ja nur noch dem etwas abnehmen, der tatsächlich auf dem Boden drauf ist und ihn bearbeitet. Der muss dann schenken. Zuletzt schenken also die arbeitenden Menschen. Von da kommt es immer her. Denn jeder Mensch muss ja den Boden nutzen, um Werte zu erzeugen, um zu arbeiten, muss den Boden dafür wenigstens bewohnen. Dazu ist jeder Mensch einfach gezwungen, weil er nunmal auf der Welt ist. Und wenn je