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Kapital und Postmaterialismus
Die materialistische Kapitalauffassung bei Karl Marx und in der neoliberalen Wirtschaftskultur der Gegenwart im Vergleich mit der postmaterialistischen Kapitaltheorie Rudolf Steiners
Die Kapitaltheorie Karl Marx versteht sich selbst als „materialistisch“. Im Gegensatz zu anderen materialistischen Wirtschaftstheorien zeichnet sich diese jedoch dadurch aus, dass Marx sie aus einem an Hegel geschulten dialektischen Denken entwickelt hat. Das Denken Rudolf Steiners ist ebenfalls an Hegel geschult. Im Gegensatz zu Marx, der den Hegelschen Denkansatz „auf die Füße stellen“ wollte, in dem er statt des Geistes die Materie zum Ausgangspunkt der dialektischen Bewegung erklärte, zieht Steiner eine ganz andere Konsequenz aus Hegels Philosophie. Die Hegelsche Logik ist für ihn ein Höhepunkt der menschlichen Denkentwicklung. Dennoch müsse sie aus ihrer eigenen Konsequenz in den Materialismus umschlagen, wenn der Mensch nicht einen neuen Entwicklungsschritt vollzieht. [1] So genial das Hegelsche Denksystem auf der einen Seite auch sei, so wenig könne in ihm der wirkliche Geist gefunden werden. Allerdings, so Steiners Auffassung, können diese Begriffe dazu dienen, dass durch sie hindurch der reale Geist geschaut werden kann. [2] Erst wenn dieses von Menschen geleistet wird, d.h. wenn Menschen beginnen, die geistige Realität ebenso anzuschauen wie die physische, entstehen Freiräume für wirkliches individuelles Handeln. Anderenfalls wird das menschliche Handeln in der Tat nur ein Ausdruck dessen, was die sozioökonomische Struktur ihm aufprägt, so wie Marx es in letzter Konsequenz behauptet.
Gerade das macht Steiner als „postmaterialistischen“ Denker interessant. „Postmaterialismus“ verstehen wir hier in dem Sinne, dass bei Steiner „die Schwelle zu einer ontologischen Phänomenologie der inneren Phänomene als den eigentlich „postmaterialistischen Realitäten“, deren philosophische Untersuchung allein eine Antwort auf das „Warum“ (gibt)“, souverän überschritten wurde. [3] Der Materialismus ist für ihn keine „falsche Theorie“, selbst wenn ihm an vielen Punkten gravierende Inkonsequenzen nachgewiesen werden können. Diese Fehler und Inkonsequenzen sind jedoch nur die Folge der Behauptung, dass bloß von der Materie her die gesamte menschliche Entwicklung verstanden werden kann. Der Materialismus hat eine Wahrheit, die es zu achten gilt und die insbesondere bei der Betrachtung der Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftslebens von entscheidender Bedeutung ist. Allerdings existieren neben dieser Wahrheit andere Wahrheiten, die es zu erfassen gilt und die durch den Menschen „ins Spiel zu bringen“ sind. Gelingt dieses nicht, so wirkt die Wahrheit der materialistischen Theorien. Die gesellschaftliche Entwicklung wird dann in ihren Grundzügen voraussagbar; wozu die Marxschen Grundgedanken – wenn auch nur in grober Weise - geeignet sind. Gelingt es jedoch, die geistigen Wahrheiten ins Spiel zu bringen, dann wird die Eigendynamik der materialistischen Entwicklungswahrheit zurückgedrängt und es entsteht etwas prinzipiell Neues.
Steiner geht es somit nicht darum, dass die Menschen „bessere“ Werte annehmen als die materialistischen. Ihm geht es darum, aufzuzeigen, dass der „Geist“ ein Realprinzip ist, welches berücksichtigt werden kann, wenn man einen Zugang dazu findet. Allerdings sieht er es als eine Entwicklungsnotwendigkeit an, dass der Mensch diesen Zugang finde. Denn, wirkt nur das Realprinzip der Materie, dann geht der Mensch als Mensch darin unter. Diese Anschauung hat Konsequenzen, die sich bis in seine Kapitaltheorie niederschlägt. Es soll dieses im Weiteren aufzuzeigen versucht werden.
Der "Nationalökonomischen Kurs" – ein Gegenentwurf zu Marxens „Das Kapital“
Die ökonomische Anschauung Rudolf Steiner muss aus verschiedenen Schriften, Aufsätzen und vor allem Vorträgen zusammengetragen werden. Ein systematisches ökonomisches Werk liegt nicht vor. Seine sozialwissenschaftliche Hauptschrift, die "Kernpunkte der sozialen Frage", in der die Idee der "Dreigliederung des sozialen Organismus" entwickelt wird, ist 1919 innerhalb weniger Wochen auf der Grundlage einer Vortragsreihe zum gleichen Thema, also unter starkem Zeitdruck, als Antwort auf die Situation Mitteleuropas nach dem 1. Weltkrieg niedergeschrieben worden. Allerdings lag den Ausführungen eine 30jährige Beobachtung der Entwicklung der sozialen Verhältnisse zugrunde. Insbesondere sind auch die Erfahrungen seiner sechsjährigen Tätigkeit (1899-1905) an der von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht geführten Arbeiterbildungsschule in Berlin darin eingeflossen. Drei Jahre nach dieser Veröffentlichung, im Sommer 1922, wird er von Studenten der Nationalökonomie gebeten, seine Ideen zur Nationalökonomie zu entwickeln. Diese Vorträge, der sog. "Nationalökonomischen Kurs" sind neben den „Kernpunkten der sozialen Frage“ die systematischsten vorliegenden Ausführungen insbesondere zum Kapitalbegriff.
Steiner trat in seinen sozialwissenschaftlichen Schriften und Vorträgen immer als scharfer Kritiker der Marxschen Denkweise auf. [4] Denn er sah keine Möglichkeit, dass mit diesem methodischen Ansatz in irgendeiner Weise eine positive Gestaltung der sozialen Verhältnisse möglich wird. Dennoch baut er, was oft übersehen wird, inhaltlich im "Nationalökonomischen Kurs" in starkem Maße auf Marx auf. „Die wichtigsten Behauptungen von Karl Marx sind nicht zu widerlegen, sind ganz unmöglich zu widerlegen“, behauptet Steiner dann auch an anderer Stelle. [5] Allerdings denkt er Marx von seinem methodischen Standpunkt aus um, in dem er die vom materialistischen Standpunkt aus gedachten Begriffe mit Begriffen konfrontiert, die den Geist als wirksames Realprinzip mitberücksichtigen. Die Berücksichtung des Geistes als Realprinzip wirkt sich am stärksten auf die Bildung des Kapitalbegriffs aus. Denn die Entstehung des Kapitals ist für ihn maßgeblich auf die Wirksamkeit des Geistes zurückzuführen. Ebenso stellt Steiner dem Gedanken der Mehrwerttheorie eine Auffassung entgegen, die den berechtigten Anteil der geistigen Leistung am Zustandekommen eines Gebrauchswertes aufzeigt. In dem Steiner den arbeitswerttheoretischen Ansatz durch einen geisttheoretischen ergänzt, versucht er aufzuzeigen, wie die Eigendynamik des materiellen Prozesses wieder in die bewusste menschliche Gestaltbarkeit gebracht werden kann.
Es soll zunächst ein Blick auf die grundlegende Gedankenbildung der marxschen Werttheorie geblickt werden, um dadurch eine geeignete Vergleichsgrundlage zu dem Steinerschen Ansatz zu schaffen.
Die Gedankenbildung bei Karl Marx
Das Wertgesetz von Karl Marx
Marx Ziel ist es, die treibenden Gesetze der ökonomischen Struktur der Gesellschaft aufzudecken. Diese Struktur, in welche die Menschen ohne ihren Willen hineingeboren werden, bildet die reale Basis, auf der sich der gesamte Überbau der politischen und juristischen, ja auch der religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz »ideologischen« Formen erhebt. »Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.« Dies gesellschaftliche Sein aber ist kein starres, sondern, wie schon Hegel gezeigt, in beständigem Flusse begriffen. Seine Entwicklungsgesetze gilt es in naturwissenschaftlicher Methode zu erforschen und so die Geschichte der Menschheit wissenschaftlich zu begreifen. [6]
Die treibende Kraft im ökonomischen Leben ist das, was Marx auch als „Wertgesetz“ bezeichnet. Dieses ist ein Gesetz wie ein Naturgesetz, welches sich, ohne dass es den Akteuren im ökonomischen Prozess bewusst werden muss, gewaltsam durchsetzt, „wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt.“ [7] Das Wertgesetz wirkt wie ein Wesen, das die Ausgestaltung seiner besonderen Erscheinungen bestimmt. Seine Substanz bildet es aus der menschlichen Arbeit, insofern diese sich in einen gesellschaftlichen Zusammenhang hineinstellt, d.h. Gebrauchswerte erzeugt. Um Wert zu werden muss die menschliche Arbeit aus ihrem „flüssigen Zustand“ in die „geronnene Form“ übergehen, [8] d.h. für die Schaffung von Gebrauchswerten verausgabt worden sein. Aus der menschlichen Arbeitskraft wird jedoch nur in dem Maße Wert gebildet, wie viel Arbeitsaufwand für die Erzeugung eines Gebrauchswertes in einem gegebenen Zeitpunkt im Durchschnitt gesellschaftlich notwendig ist. Marx will damit zum einen den jeweiligen Stand der Produktivkräfte berücksichtigen, zum anderen die Tatsache, dass nicht alle Menschen gleich effizient arbeiten. Hat somit in einem bestimmten Zeitpunkt eine Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ein bestimmtes Quantum gesellschaftlich notwendige Arbeit verausgabt, ist damit ein bestimmter Gesamtwert gebildet, welcher im Austauschprozess verteilt wird. Der Tauschwert einer Sache ist eine besondere Erscheinungsform dieses Wertes. Die Produzenten können im jeweiligen Austauschprozess nicht wissen, welchen konkreten Tauschwert ihr Erzeugnis besitzt. Der Preis des Erzeugnisses wird sich aus den jeweiligen konkreten Bedingungen ergeben. Allerdings wirkt der Tauschwert „hinter dem Rücken der Produzenten“ insofern, dass er die gesamte Produktion reguliert. Die Konkurrenz ist dabei sein Durchsetzungsmechanismus. Der Wert wird zum Gravitationszentrum der Preise; unterschreiten diese in einer Branche den Wert, wird überschüssige Arbeit durch Ruinierung bzw. Abwanderung von Produzenten abgeleitet, überschreiten sie ihn, fließen der Branche zusätzliche Arbeitskräfte zu. Das Wertgesetz bewirkt somit eine Differenzierung der Produzenten: die Verlierer werden zu besitzlosen Proletariern, die Gewinner zu Kapitalisten, die nunmehr nicht allein auf eigene Arbeit angewiesen sind, sondern fremde Arbeit ausnutzen können. [9]
Die Verwandlung von Geld in Kapital
Den „stofflichen Inhalt“ der Warenzirkulation bildet bei Marx der Austausch der verschiedensten Gebrauchswerte. Dieser findet in einem Prozess sich verwandelnder ökonomischer Formen statt. In seiner letzten Entwicklung bringt dieser Prozess das Geld hervor. Geld ist die „allgemeine Äquivalentform“ d. h. eine Ware, deren spezifischer Gebrauchswert bloß noch in der Vermittlung des Tausches besteht. Gold, später Papiergeld, dessen Wert aber vom Goldwert abhängt, kann, Marx zufolge, diese Rolle am besten übernehmen. Geld als das letzte Produkt der Warenzirkulation, ist die erste Erscheinungsform des Kapitals.
Geld als Geld und Geld als Kapital unterscheiden sich zunächst nur durch ihre verschiedene „Zirkulationsform“. Die unmittelbare Form der Warenzirkulation ist die Verwandlung von Ware in Geld und die anschließende Rückverwandlung von Geld in Ware (W – G – W). Dieser Prozess endet damit, dass ein Produzent, der sein Erzeugnis, die Ware, gegen Geld ausgetauscht hat, durch die Rückverwandlung des Geldes in Ware zu dem Gebrauchswert gelangt ist, der seinem konkreten Bedarf entspricht. Diese Form hat somit einen endlichen Zweck: die Beschaffung eines für das Leben notwendige Gut. Neben dieser unmittelbaren Form wird aber durch das Geld eine zweite möglich: die Verwandlung von Geld in Ware zu dem Zwecke, die Ware wieder in Geld zu verwandeln (G – W – G). Kapital – im Sinne von Marx – ist das Geld, welches in diese Zirkulationsform überführt worden ist. Das eigentümliche dieser zweiten Form, G – W – G, sei, dass sie im Gegensatz zur ersten, W – G – W, unendlich ist. Ihr Zweck ist durch diesen Geldverwandlungsprozess ein Mehr zu erzielen. Hat sie ihr Ziel erreicht, so steht sie am Anfang eines neuen Kreislaufes. Aber auch dieser endet, insofern sie den Erwartungen entsprechend verläuft, wieder mit einer gewinnbringenden Rückverwandlung von Ware in Geld in der Hand des „Kapitalisten“. Dessen unmittelbarer Zweck ist weder der einzelne Gewinn noch gar der Gebrauchswert einer Sache, sondern vielmehr die rastlose Bewegung des Gewinnens. [10]
Die Bestimmung, die Marx hier dem Kapital gibt, ist ganz auf die Erfassung des Ausbeutungsverhältnisses hin angelegt, welches gerade durch die zweite Zirkulationsform hervorgebracht wird. Von dieser Bestimmung her betrachtet muss jeder Kapitaleinsatz ein Ausbeutungsverhältnis hervorbringen, denn es wird dadurch der ersten Zirkulationsform w-g-w und damit dem unmittelbaren Wertetausch der Produzenten Tauschwerte entzogen. D.h. nur noch ein Teil des in einer Periode geschaffenen Gesamtwertes steht für den im Konsum endenden Warenaustausch zur Verfügung; der andere Teil geht in den Aufbau des Produktionspotentials, da der Kapitalist sein Geld ja gerade dazu verwendet um Produktionsmittel und Arbeitskraft aufzukaufen, um damit Waren herstellen zu können, die er dann wieder gewinnbringend verkaufen kann.
Warum, so kann man sich fragen, wird auf diesem Wege immer ein Ausbeutungsverhältnis geschaffen? Steht doch durch den Kapitaleinsatz zwar in der ersten Periode für den unmittelbaren Konsum weniger zur Verfügung, so werden dann doch in der nächsten Periode wesentlich mehr Gebrauchswerte geschaffen, insbesondere, wenn durch den Kapitaleinsatz bewirkt wird, dass das Produktionspotential immer effizienter ausgestaltet wird. Allerdings wird durch eine solche Entwicklung der Produktivkräfte nicht mehr (Tausch-)Wert gebildet. Dieses wäre im Sinne der Marxschen Werttheorie nur durch die Vermehrung der Arbeitskräfte möglich. Werden in zwei Produktionsperioden gleichviel Arbeitskräfte eingesetzt, so wird auch der gleiche Gesamtwert gebildet, unabhängig davon, dass durch die weiter entwickelten Produktivkräfte in der zweite Periode mehr Gebrauchswerte geschaffen werden. Die Löhne der Arbeitnehmer (nach Marx der Preis für die als Ware gehandelte Arbeitskraft) werden durch die Konkurrenz in der Regel auf die Reproduktionskosten der Arbeitskraft heruntergedrückt. D.h. obwohl sie unter Umständen gleich viele Gebrauchswerte für Ihren Lohn erhalten, sinkt der Arbeitnehmeranteil am Gesamtwert stetig. Durch die gestiegene Produktivität gelingt es dem Unternehmer den „relativen Mehrwert“ zu erhöhen. Selbst wenn die geschaffenen Gebrauchswerte durch die steigende Produktivität so stark vermehrt wurden, dass der Gesamtheit der Arbeitnehmerschaft dadurch ein relativ höherer Konsum möglich wird, würde ihr Anteil am Gesamtwert durch die dem Kapital eigene Tendenz stetig sinken. Marx will zeigen, dass die Dynamik der zweiten Zirkulationsform bewirkt, dass eine immer kleinere Gruppe von Kapitalisten über einen immer größeren Teil des gesellschaftlich geschaffenen Wertes verfügen kann.
Die Gedankenbildung bei Rudolf Steiner
Die Entstehung des Kapitals als realer Abstraktionsprozess
Auch Rudolf Steiner vertritt in gewisser Weise einen arbeitswerttheoretischen Ansatz. Allerdings sieht Steiner, wie schon angedeutet, die Arbeitswertlehre nicht als ausreichend an, um die entscheidenden Phänomene der modernen arbeitsteiligen Wirtschaft zu erfassen. Er ergänzt die Arbeitswertlehre daher durch eine „Geistwertlehre“. Bei Marx wird „Wert“, wie oben gezeigt, eine Art imaginatives Wesen, welches man hinter den Erscheinungen wirksam denken muss, niemals aber konkret in Erscheinung tritt. Steiner hingegen verzichtet vollkommen auf die Konstruktion solcher Wertbegriffe. Die Begriffe, die er einführt, haben das Ziel, die Phänomene zu charakterisieren, d.h. den Blick systematisch auf sie zu lenken. Deshalb spricht Steiner zumeist auch nicht von „Wert“ sondern lediglich von wertbildenden Faktoren. Wertbildend ist für Steiner die Arbeit dann, wenn Sie ein Naturprodukt so umwandelt, dass sie ausgetauscht und konsumiert werden kann (also im Sinne von Marx einen Gebrauchswert darstellt). Kapital entsteht hingegen dadurch, dass der menschliche Geist auf die Organisation der menschlichen Arbeit angewendet wird. D. h. der menschliche Geist gliedert, strukturiert die Arbeit und schafft durch seine Organisationskraft die Möglichkeit, dass ganze Arbeitsschritte entfallen können. Ein simples Beispiel kann dieses verdeutlichen: Ein Landwirt, der seine Ernte nur mit seiner eigenen Arbeitskraft und der seiner Helfer einbringen wollte, hätte unendlich mehr zu tun, als der, der einen Wagen, geschweige denn die modernen Landmaschinen, einsetzt. Die geistige Leistung der Erfindung des Wagens erspart dem Landwirt eine Menge Arbeit, die er anderweitig fruchtbar einsetzen kann.
Weil durch die geistige Leistung Arbeit real erspart wird, kann Steiner auch nicht der Marxschen Auffassung folgen, das Kapital lediglich „aufgespeicherte Arbeitskraft“ sei. Die eigenständige Bedeutung der geistigen Leistung wird bei einer solchen Definition nicht erfasst. Der Wert, der dadurch geschaffen wird, dass Natur durch menschliche Arbeit zu einem konsumierbaren Gut umgewandelt wird, ist zwar die Grundlage aller Kapitalbildung, er geht aber nicht als positive Substanz in das Kapital ein. Vielmehr macht sich im Kapital ein anderer wertbildender Faktor geltend, den Steiner als „Geist angewendet auf menschliche Arbeit“ charakterisiert. Der Wert einer Ware setzt sich von der wertbildenden Seite her gesehen in einer arbeitsteiligen Wirtschaft immer aus den beiden Faktoren „Arbeit, angewendet auf Natur“ und „Geist auf Arbeit“ zusammen. Daneben berücksichtigt Steiner noch eine Wertbildung, die durch die besonderen Bedürfnisse der Menschen und der Knappheit eines Gutes hervorgerufen wird. Diese bezeichnet er als „wertbildende Spannung“. In dem Preis einer Ware, der auf dem Markt realisiert wird, wirken zusammen die wertbildenden Faktoren und die wertbildende Spannung.
Steiner geht es vor allem darum, den Anteil der geistigen Arbeit als qualitativ andersartigen wertbildenden Faktor zu Bewusstsein zu bringen. Im Gegensatz zur körperlichen Arbeit weist sie nämlich einen fundamentalen Unterschied auf: Ihre Ergebnisse werden nicht wirklich verbraucht. Hat jemand eine Idee gefunden, wie etwas sinnvoll zu organisieren ist oder hat er gar eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht, die sich wirtschaftlich anwenden lässt, so kann diese Idee von jedem, der sie versteht, übernommen und angewendet werden. Selbstverständlich kann eine solche Idee verbessert oder gar durch eine andere ersetzt werden. Verbraucht wird sie dadurch nicht. Leibniz, der Erfinder der Differentialrechnung, baut so gesehen noch heute an jeder Brücke mit. [11] In jeder unserer individuellen geistigen Leistungen steckt ein großer Anteil der Leistung unserer ganzen Kultur, der nur zu leicht übersehen wird. Steiners Kapitaltheorie will zeigen, dass eine richtige Wertschätzung dieser gesellschaftlichen Kulturleistung für eine gedeihliche Entwicklung des Wirtschaftslebens notwendig ist.
Kapital entsteht da, wo Ideen im wirtschaftlichen Leben sinnvoll zur Anwendung gebracht werden. Dabei ist zu unterscheiden die Leistung der Hervorbringung der Idee selbst und die Leistung ihrer Anwendung. Diese Leistungen werden in der Entwicklung des arbeitsteiligen Wirtschaftslebens mehr und mehr von verschiedenen Menschen erstellt werden. Für die gesunde Entwicklung des Wirtschaftslebens wird es darauf ankommen, dass sie in richtiger Weise sich geltend machen können. Es wird sich zeigen, dass aus Sicht der Steinerschen Kapitaltheorie die Gestaltung des gegenwärtigen Eigentumsrechtes hierfür ein immer größeres Hemmnis darstellt. Zunächst aber untersucht Steiner ganz unabhängig von eigentumsrechtlichen Fragen die Wirksamkeit des Geistes bei der Kapitalbildung anhand des Beispieles eines Wagenerfinders. Dabei will er die dem Kapital eigene Tendenz aufzeigen, sich von den konkreten Arbeitszusammenhängen abzulösen und dadurch das Wirtschaftsleben auf eine neue Stufe zu heben.
Übertragen wir Steiners Beispiel auf unseren Landwirten, so kann man sagen: Der Landwirt kann durch die Erfindung des Wagens seine Ernte viel schneller bewältigen als die Landwirte in seiner Nachbarschaft. Er gewinnt sogar Zeit, seinen Kollegen mit dem Wagen auszuhelfen. Diese werden ihm dafür seine Leistung mit einem Teil ihres Ertrages entgelten. Denken wir uns nun, dass er sich entschließt, den Gewinn in den Bau weiterer Wagen zu investieren. Diese kann er nun verleihen. Bald ist für ihn dieses Geschäft wesentlich ertragreicher als seine Landwirtschaft. Er ist also Kapitalist geworden.
Kapital bildet sich in dem Maße, wie eine Idee auf einen Arbeitszusammenhang angewendet wird. Es ist der Ausdruck dafür, dass der Geist in die Arbeitsorganisation strukturierend eingegriffen hat. Für Steiner ist dieses der entscheidende Gesichtspunkt zur Kapitalbildung. Ohne dass man diesen zugrunde legt, könne man die Funktion des Kapitals im volkswirtschaftlichen Prozess nicht verstehen. Kapital ist daher zugleich immer eine notwendige Begleiterscheinung der Arbeitsteilung.
Der Landwirt stand mit seiner Arbeit zunächst im unmittelbaren Verkehr mit der Natur. In dem Maße, wie er beginnt, durch den Geist die Arbeit zu organisieren, Ideen auf sie anzuwenden, löst sich etwas von diesem unmittelbaren Verkehr los. Denn in dem er durch seinen Wagen Kapital schafft, kann ihm gleichgültig werden zu welchem Zweck er dieses einsetzt, das heißt was er transportiert. Solange der Landwirt nur sein Land bearbeitet hat, kann man rein im Sinne der Arbeitswerttheorie die Sache auffassen. Man hat es dann bei den Erzeugnissen mit Naturprodukten zu tun, die durch die menschliche Arbeit verändert worden sind und dadurch ihren Wert bekommen haben. In dem Maße aber, wie der Geist als wertbildender Faktor eine Rolle spielt, kommt etwas in den volkswirtschaftlichen Prozess herein, das sich nicht mehr ohne weiteres durch die Arbeitswerttheorie fassen lässt.
Am Beispiel des Wagenerfinders lässt sich zeigen, dass solange die Erfindung noch in unmittelbaren Zusammenhang mit der Erzeugung an der Natur steht, man das Kapital, das sich durch den Einsatz bildet, in gewisser Weise als „aufgespeicherte Arbeitskraft“ auffassen könnte. Denn es kann unmittelbar eingesehen werden, wie viel konkrete Arbeit durch den Einsatz des Wagens erspart wurde. Doch die Erfindung ist ja völlig unabhängig von dem Arbeitszusammenhang, in dem sie erstmals zur Anwendung kam. Man könnte nun im Sinne von Marx sagen: In dem nun die Erfindung zu immer neuen Zwecken eingesetzt wird, bewirkt dieses, dass man nicht mehr von konkreter Arbeit sprechen kann, die in dem Kapital aufgespeichert ist, sondern nur noch von abstrakt allgemeiner Arbeit. Steiner entwickelt die Sache jedoch an dem Beispiel nach einer anderen Richtung:
„Nehmen Sie an, Sie haben eine Zeit lang kapitalisiert und haben sich dadurch Kapital erworben, das nun wirklich volkswirtschaftlich arbeitet. Einer, der erst einen Wagen hat, kann volkswirtschaftlich weiterarbeiten, indem er zwei Wagen erwirbt und so weiter. Sein Kapital arbeitet volkswirtschaftlich. Aber im Grunde ist von der Natur der Arbeit da nichts mehr darinnen. Wenn Sie einen Bergarbeiter ansehen, da ist von ihr sehr viel darinnen; aber in dem Kapital sehen Sie immer weniger von der Arbeit darinnen; und wenn Sie gar annehmen, der Mann überlässt nun einem anderen die ganze Sache, dann wird es durch den Übergang unter Umständen dem zweiten eben nur darauf ankommen, dass sich dasjenige, was da durch den Geist geschehen ist, fruktifiziert; aber höchst gleichgültig wird ihm die Natur der Arbeit sein, die da organisiert wird. Es soll überhaupt nur organisiert werden.
Mit anderen Worten: Wir haben da einen realen Abstraktionsprozess. Es ist ganz dasselbe, was man sonst im logischen Denken in der Abstraktion innerlich vollzieht. Das vollzieht man da äußerlich. Die Besonderheit verschwindet, die Besonderheit der Natursubstanz und die Besonderheit der Arbeitsarten, in den Kapitalmassen nach und nach. Wenn wir den volkswirtschaftlichen Prozess dann weiter verfolgen, dann werden Sie sehen, dass schon gar nichts mehr da ist von dem, was ursprünglich da an Arbeit organisiert worden ist. Denn nehmen Sie den Fortschritt des volkswirtschaftlichen Prozesses, dann wird er sich etwa so darstellen: Der Mann, der den Wagen gebaut hat, der hat noch seinen Geist wenigstens dieser ganzen Erfindung aufgeprägt; aber nun verdient er, er verdient mehr an Wert, als er nur irgendwie selbst bewältigen kann. Ja, sollen das jetzt für die Volkswirtschaft unbenützte Werte bleiben? Das sollen sie nicht bleiben. Es muss ein anderer kommen, der diese Werte mit einer anderen Art von Geistigkeit bewältigen kann, der diese Werte in einer ganz anderen Weise nun verwertet.
So können Sie sich vorstellen: Dasjenige, was da an Werten geschaffen worden ist durch den Wagenerfinder, das ginge über nach einiger Zeit - also dasjenige, was als Fruktifizierung herausgekommen ist -, ginge über an einen Kunstschmied. Der Kunstschmied hat den Geist, eine Kunstschmiede aufzuführen; aber mit dem Geist kann er zunächst nichts anfangen. Aber der andere hat schon wirtschaftliche Werte geschaffen. Die muss er übertragen auf diesen. Da haben Sie schon den vollständigsten Abstraktionsprozess in der Realität draußen.
Daher ist es auch notwendig, damit die Sache überhaupt weitergehen kann - sie könnte sonst nicht weitergehen, denn wie soll der Wagenbauer dem Kunstschmied seine Werte übertragen? -, dass etwas da ist, was sich zu dem Besonderen, das da in der Volkswirtschaft lebt, wie ein Abstraktes verhält. Und das ist zunächst das Geld. Das Geld ist nichts anderes als der äußerlich ausgedrückte Wert, der durch Arbeitsteilung erwirtschaftet ist und der von einem auf den anderen übertragen wird.“ [12]
Der „reale Abstraktionsprozess“, den Steiner hier beschreibt, bewirkt nun, dass sich in der arbeitsteiligen Wirtschaft, die durch die Wirksamkeit des menschlichen Geistes entsteht, ein allgemeines Organisationsmittel für diesen Geist – das Geld ‑ herausbildet. Im Gegensatz zu Marx, der das Geld zunächst als eine Ware beschreibt, deren spezifischer Gebrauchswert nur noch in der Vermittlung des Tausches besteht, und die dann durch den Kapitalist eigentlich in einen zweckentfremdete Zirkulationsform gebracht wird (statt Ware – Geld – Ware, Geld – Ware –Geld; siehe oben), entwickelt Steiner hier als den wesentlichen Charakter des Geldes die Form des Leihgeldes. Es kann dieses zwar auch als Kaufgeld verwendet werden – und quantitativ betrachtet hat diese Verwendungsweise auch den wesentlich größeren Anteil -, doch liegt seine eigentliche Bestimmung darin, dass es dem Geist dazu dient, organisierend ins Wirtschaftsleben einzugreifen. Dass Steiner hier den Charakter des Geldes aus dem Leihprozess entwickelt, heißt nicht, dass er den Marxschen Ansatz damit negieren will. Vielmehr greift er diesen an späterer Stelle ebenfalls als berechtigt auf. Geld lässt sich selbstverständlich als allgemeines Tauschäquivalent denken. Allerdings erfasst man dadurch nur eine Seite des Geldes. Steiner will aber zunächst die andere, bei Marx nicht berücksichtigte Seite ins Bewusstsein rücken. Später wird er sie mit der ersten Seite konfrontieren und dem Leser zumuten, beide Seiten ineinander zu denken.
Es wird noch zu zeigen sein, dass Steiner auf diesem Wege zu einer ganz andersartigen Bestimmung des Geldwertes gelangt, als dieses in den gängigen Geldtheorien üblich ist. Zunächst sollen aber auf einige methodische Unterschiede insbesondere zu dem Ansatz von Marx aufgezeigt werden. Denn die Hervorhebung des „realen Abstraktionsprozesses“ dient auch dazu, gegenüber dem Vorgehen der theoretischen Abstraktion, wie sie dem Marxschen Denken eigen ist, einen anderen Weg aufzuzeigen.
Das „Wertgesetz“, welches nach Marx das ökonomische Geschehen bestimmt, wird ja in der Art eines wesenhaften Naturgesetzes gedacht, welches die besonderen Erscheinungen – hinter dem Rücken der Kapitalisten - bewirkt. Seine Substanz wird, wie schon oben gezeigt, gebildet aus der gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeit. Doch betrachtet man das Abstraktionsverfahren, durch das dieser Begriff gebildet wird, so wird man einen grundlegenden Unterschied zu dem eben beschriebenen „realen Abstraktionsprozess“ feststellen. Marx konstruiert sein Wertgesetz in der Weise, wie die moderne Naturwissenschaft ein Naturgesetz konstruiert. Um den Wert aus der Arbeit zu bestimmen, muss er von allen möglichen Erscheinungsformen der Arbeit absehen. Insbesondere findet die geistige Leistung keine adäquate Berücksichtung, sondern geht einfach als multiplizierte einfache Arbeit in die Wertsubstanz ein. Diese Wertsubstanz kommt auch an keinem Ort wirklich zur Erscheinung, sondern wird immer nur als die in der ökonomischen Erscheinungswelt verborgene, jedoch eigentlich treibende Kraft behauptet. Das Bestechende an der Marxschen Konstruktion ist, dass sie in großen Zügen recht gut die ökonomische Entwicklung abbildet und insbesondere den abhängigen Lohnarbeiter eine recht schlüssige Auffassung ihrer Situation gibt. Allerdings hat diese Konstruktion zugleich etwas Unbefriedigendes, weil sie suggeriert, dass der Mensch sich in einen ihm übergeordneten Gesetzeszusammenhang einzuordnen hat, der letztendlich seine Handlungsweisen determiniert.
Steiners Weg ist ein anderer. Er verzichtet darauf, einen begrifflichen Zusammenhang in der Art eines Naturgesetzes zu konstruieren, den er dann in der Erscheinungswelt nachweisen will. Eine solche Vorgehensweise hält er nur für die anorganische Natur für berechtigt. [13] Seine Begriffe sind so gewählt, dass sie die Erscheinungen ordnen. Sie sollen den Blick auf den Punkt lenken, wo sich in den Erscheinungen das Wesenhafte selbst offenbart. [14] Die Begriffe „Arbeit, angewendet auf Natur“ und „Geist, angewendet auf Arbeit“ sind solche blicklenkende Begriffe. Anhand des Wagenerfinder-Beispiels wird dann verdeutlicht, was sich real in vielfältigen Formen vollzieht. Steiners methodisches Vorgehen kann man sich besonders gut zu Bewusstsein bringen, wenn man das, was er hier als „realen Abstraktionsprozess“ beschreibt, mit dem vergleicht, was er als Abstraktionsprozess des logischen Denkens versteht.
An dem Ausgangspunkt des realen Abstraktionsprozess steht der Geist, der organisierend in den Wirtschaftsprozess eingreift. Am Endpunkt steht das Geld, gedacht als ein allgemeines Mittel, durch das der Geist in den Wirtschaftsprozess eingreifen kann. Man könnte auch sagen, die Organisationskraft des Geistes tritt in dem Geld in allgemeiner Form in Erscheinung. Der Geist musste somit schon eine Zeit im Wirtschaftsleben organisierend tätig gewesen sein, eher er seine allgemeine Organisationsform ausbilden konnte. Es ist wichtig hier zu bemerken, dass das Allgemeine schon von Anfang an als wirksame Realität vorhanden ist.
Beim Bilden der Allgemeinbegriffe vollzieht sich beim menschlichen Denken ein entsprechender Prozess. Das menschliche Bewusstsein richtet sich zunächst auf die Sinneswahrnehmung. Um diese bewusst zu durchdringen, muss es sie zu einem gewissen Grade organisieren. Ohne dass die Sinneswahrnehmung durch den menschlichen Geist in ihren inneren Zusammenhang gebracht würde, wäre sie lediglich ein chaotisches Zusammenspiel von Sinneseindrücken. [15] D.h. in dem der menschliche Geist die Sinneswahrnehmung organisiert, trägt er etwas an sie heran, was ohne diese Tätigkeit nicht zur Erscheinung kommen könnte. Dieser Prozess vollzieht sich zunächst völlig instinktiv und unbewusst. Der Mensch einer früheren Entwicklungsstufe etwa hatte noch eine ganz andere Wahrnehmung der Sinneswelt. Denn die organisierende Kraft des Geistes in ihm war eine ganz andere. Diese Kraft wurde damals ganz unpersönlich als lebendiger, zugleich in der Sinneswelt wirkender Geist erlebt. Das eigene Bewusstsein war lediglich der Ort, wo dieser Geist zur Erscheinung kam. Es fehlte das Vermögen, diesen Geist in abstrakten Begriffen zu fassen. Mit der Entwicklung des menschlichen Denkens wird dieser Prozess mehr und mehr zu einer Fähigkeit, die selbsttätig geführt und damit als eigene Geisteskraft erlebt wird. Damit verbunden entsteht das Vermögen, über das bloße Wahrnehmen hinauszugehen. Im Sinne der aristotelischen Lehre kann man sagen, das neben den nous pathetikos, dem erleidenden Verstand, ein aktives Vermögen sich in der menschlichen Seele entwickelt: der nous poiêtikos, der selbsttätige Verstand. Allerdings wurde dieser selbstätige Verstand bei Aristoteles noch nicht als ein Selbsterzeugen der Gedanken erlebt, sondern lediglich als ein Erzeugen des Lichtes, welches die Gedanken beleuchtet. [16] Erst in der weiteren Entwicklung des Denkens tritt das Erlebnis auf, dass die Gedanken vom Menschen selbst erzeugt seien. Gleichzeitig erstirbt aber die Fähigkeit, die lebendige, organisierende Kraft des Geistes wahrzunehmen. Diese Kraft ist aber vorhanden, auch wenn sie nicht zu Bewusstsein kommt und wirkt überall da, wo durch das Denken ein gesetzmäßiger Zusammenhang hergestellt wird. Es kann dieses ein rein geistig erfassbarer Zusammenhang sein, z.B. die Entdeckung einer mathematischen Formel; es kann dieses ebenso ein gesetzmäßiger Zusammenhang sein, der in der Sinneswelt vorhanden. Durch unser aktives Denken können wir diesen gesetzmäßigen Zusammenhang in unserem Bewusstsein zur Erscheinung bringen. [17]
Die Erscheinung eines gesetzmäßigen Zusammenhangs in unserem Bewusstsein stellt für Steiner die abstrakte, d.h. ertötete Form des lebendigen Geistes dar. [18] Man hat hier ein doppeltes Verhältnis zu berücksichtigen. Gegenüber der Sinneswelt stellt die Abstraktion das Allgemeine dar, das den gesetzmäßigen Zusammenhang der besonderen Erscheinungen offen legt. Gegenüber der geistigen Welt stellt es hingegen lediglich eine Erscheinungsform eines geistigen Wesens dar. Der Geist, der seinem Wesen nach ein Lebendiges ist, wird durch unser Denken in eine tote Form überführt. Dadurch kann er in unser waches, selbstbewusstes Erleben eintreten. Für Steiner ist es eine Bedingung der menschlichen Freiheit, dass der Geist nur durch unser selbsttätiges Denken in unser Bewusstsein eintritt. Dieses erfordert aber, dass er uns zunächst in der Form des Toten erscheint. Allerdings gibt es die Möglichkeit, das selbsttätige Denken so weiter zu entwickeln, dass es bei vollem individuellem und freiem Bewusstsein den lebendigen, d.h. wirkenden Geist erleben kann. Steiner sieht diese Entwicklung als notwendig an, weil nur dadurch ein freier und wirklich schöpferischer Umgang mit den Sinneserscheinungen möglich wird. Eine Kultur, die bei den abstrakten Verstandesbegriffen stehen bleibt, schafft sich hingegen lediglich die Möglichkeit der technischen Beherrschung der Welt. Diese nimmt dann allerdings immer mehr die Form der Begriffe an, aus der sie geschaffen sind. Das heißt die Todes- und Abbauprozesse beginnen die Welt zu dominieren.
Steiner vergleicht, den abstrakten Begriff, den wir auf die Sinneswelt anwenden, mit einem Weizenkorn. Dieses könne man sehr sinnvoll dazu verwenden, um Brot zu backen. Es sei dieses aber nicht die eigentliche Bestimmung des Weizenkorns. Seine Wesen entspreche, von der Erde aufgenommen zu werden, um sich dort zu einer neuen Weizenpflanze zu entwickeln. Ebenso verhalte es sich mit den abstrakten Begriffen. Es sei sinnvoll, sie auf die Sinneswelt anzuwenden, um diese damit zu ordnen und zu erkennen. Ihre eigentliche Bestimmung sei aber, dass sie in der menschlichen Seele so umgewandelt werden, dass sie in dieser Organe entwickeln, die zur Wahrnehmung der geistigen Kräfte dienen und damit den Menschen auf eine höhere Stufe seiner Entwicklung bringen. [19]
Die Bedeutung des Leihgeldes im volkswirtschaftlichen Prozess
Es wurde oben gezeigt, dass Steiner das Geld primär als Leihgeld versteht und das Kaufen von Waren lediglich eine sekundäre Funktion desselben sei. In gewisser Weise kann man daher das Weizenkornbeispiel auch auf das Geld anwenden. Es ist selbstverständlich sinnvoll das Geld als Kaufgeld zu verwenden, so wie es sinnvoll ist, aus dem Weizenkorn Brot zu backen. Seine eigentliche Bestimmung ist aber, dem Geist zu dienen, um im Wirtschaftsleben eine neue Entwicklung hervorzubringen, d.h. Leihgeld zu sein. Doch ebenso wie der Landwirt nur einen kleinen Teil seines Weizenertrags zurückbehält, um ihn im nächsten Jahr neu auszusäen, ist es für das Wirtschaftsleben sinnvoll, dass nur ein kleiner Teil wieder als Leihgeld ins Wirtschaftsleben zurückfließt und der größte Teil zum rein konsumtiven Kauf verwendet wird.
Genau an diesem Punkt entsteht aber im modernen arbeitsteiligen, privatwirtschaftlich organisierten Wirtschaftsleben ein zentrales Problem. Kapital wird behandelt wie ein Ware, d.h. an Märkt gehandelt, weil man glaubt nur dadurch eine effiziente Allokation zu erreichen. In der Tat hat sich die Zentralverwaltungswirtschaft bisher als die ineffizienteste Methode der Steuerung des Kapitaleinsatzes erwiesen und Marktwirtschaftler werden nicht müde, dieses Schreckgespenst des Wirtschaftslebens an die Wand zu malen. Ebenso weist Steiner auf die verheerende Wirkung hin, die eintreten müsste, wenn nicht das Individuum, sondern die Gemeinschaft bzw. ihre Zentralorgane über den Einsatz des Kapitals entscheiden sollen. Allerdings will er durch seine Analyse zeigen, an welchem Punkt der individuelle Einsatz von Kapital in eine unberechtigte Ausübung von Macht umschlagen muss und welche Möglichkeiten es gibt, dieses Umschlagen zu verhindern ohne dabei die individuelle Entscheidung des Einzelnen zu strangulieren.
Wir haben oben schon darauf hingewiesen, dass Marx im 1. Bd. des „Kapitals“ die Entwicklung so beschreibt, dass sich erst das Geld als allgemeines Tauschmittel herausbildet und das dann, bedingt durch das Gewinnstreben des Kapitalisten, die Zirkulationsform „Ware – Geld – Ware“ in die Zirkulationsform „Geld – Ware – Geld“ umschlägt. Der Einsatz von Kapital bekommt dadurch von vorneherein einen etwas anrüchigen Charakter, selbst wenn Marx im weiteren Verlauf seiner Analyse selbstverständlich auch die Notwendigkeit des Kapitaleinsatzes beschreibt. Es liegt dieses daran, dass Marx primär den Ausbeutungs- und Aneignungsaspekt betont, der durch die Gestaltung der Eigentumsverhältnisse hervorgerufen wird. Steiner abstrahiert in seiner Analyse zunächst völlig von den Eigentumsverhältnissen. Ihm geht es darum, die Qualität des Leihvorganges im Wirtschaftsleben herauszuarbeiten. Wenn Kapital im Wirtschaftsleben eingesetzt wird, dann stellt dieses für ihn prinzipiell einen Leihvorgang dar. Das gilt im Prinzip sogar dann, wenn bedingt durch die Gestaltung des Eigentumsrechtes, Gläubiger und Schuldner identisch sind, also ein Kapitalbesitzer sein Kapital in ein Unternehmen steckt, welches er durch Kauf erworben hat: „Gewiss, es wird Kapital gehandelt. Man kauft Kapital. Aber jeder Kapitalkauf ist wiederum nur ein kaschiertes Verhältnis. In Wirklichkeit kaufen wir nicht Kapital, sondern in Wirklichkeit wird Kapital nur geliehen; auch dann, wenn scheinbar ein anderes Verhältnis stattfindet, werden Sie immer herausfinden können den Leihcharakter des Unternehmerkapitals.“ [20]
Der Einsatz von Kapital begründet immer auch ein gesellschaftliches Schuldverhältnis. Deshalb kann Steiner im Nationalökonomischen Kurs sagen: „Es ist durchaus sogar vielleicht eines der gesündesten Verhältnisse, wir müssen das besonders berücksichtigen in der sozialen Frage, wenn ein geistiger Arbeiter für die Allgemeinheit dadurch arbeitet, dass ihm die Allgemeinheit auch - denn für ihn ist es die Allgemeinheit - das Geld dazu gibt. Wie da hinein Besitz und Eigentum und so weiter spielen, das werden wir noch sehen.” [21]
Die Entstehung von Kapital in einer entwickelten arbeitsteiligen Wirtschaft ist niemals bloß eine individuelle geistige Leistung, sondern, wir haben oben schon darauf aufmerksam gemacht, zugleich eine geistige Leistung der gesamten Kultur, innerhalb der sich die einzelne Individualität entfaltet. In dem ein fähiger Mensch Kapital einsetzt um für die Gesamtheit etwas zu leisten, eignet er sich zunächst auch den Anteil an, der eigentlich durch die geistige Leistung der gesamten Kultur hervorgebracht wird. Das hat eine Notwendigkeit, denn dieser geistige Anteil ist zunächst überhaupt nicht bestimmbar. Steiners Auffassung ist die, dass es besser ist, wenn das Kapital, das durch einen produktiven Menschen vermehrt wurde, zunächst auch als Ganzes in dessen Händen verbleibt, das also nicht etwa ein irgendwie bestimmter Anteil an irgendeine Instanz weitergeleitet wird, die es dann möglicherweise gar nicht sinnvoll zu verwenden versteht. Denn Repräsentant für den Geist kann ihm nur die einzelne menschliche Individualität sein und nicht die von der Individualität abgelösten Einrichtungen, die mehr oder weniger zufällig mit irgendwelchen Menschen besetzt sind. Wenn ein produktiver Mensch mehr Kapital geschaffen hat, als er selbst verwerten kann, ist es wirtschaftlich sinnvoll, dass er andere Menschen sucht, die nun neue produktive Ideen auf dieses Kapital anwenden und diesen das Kapital leihweise zur Verfügung stellt. Denn als Gläubiger hat er eigentlich das Interesse, dass das Kapital auch wirklich produktiv, d.h. für die Allgemeinheit, verwendet wird. Nur das gegenwärtig das Problem besteht, dass ertragreiche Kapitalverwendungsmöglichkeiten angeboten werden, die in Wirklichkeit nicht produktiv sind.
In dem Kapital an jemanden weitergegeben wird, der damit etwas für die Allgemeinheit zu unternehmen versteht, kommt sein produktiver Einsatz dieser auch wieder zu Gute. Kommt es hingegen in die Hände eines Menschen, der damit nichts anzufangen weiß, der also keinen Geist auf es anwenden kann, wird es entwertet, ohne das die Allgemeinheit davon etwas hat. In dem Kapital in Leihkapital umschlägt, Leihgeld wird, ist sein Wert daher einzig davon abhängig, was nach der Zukunft hin damit unternommen wird. Völlig irrelevant hingegen ist der Wert geworden, der aus der vergangenen Anwendung des Geistes, d.h. aus der vergangenen Arbeitsersparnis herrührt.
„Wir sehen also zuletzt einen Teil des volkswirtschaftlichen Prozesses, wo herausgearbeitet wird bloß noch aus dem, was geistig errungen ist, was sich schon emanzipiert hat. Aber diese geistige Errungenschaft ist vorher aus der Organisation der Arbeit entstanden. Aber wir sind jetzt auf der zweiten Etappe. Wenn Sie auf dieser zweiten Etappe, wo ein geistiger Arbeiter als Schuldner arbeitet, noch sagen wollten, dasjenige, was er bekommt als Schuldkapital, das sei etwa kristallisierte Arbeit, so würden Sie volkswirtschaftlich einen ungeheuren Unsinn sagen, denn es hat keine Bedeutung für den volkswirtschaftlichen Prozess, wie das Kapital entstanden ist, das er schuldet, sondern das hat Bedeutung, wie dessen Geist beschaffen ist, der das Geld jetzt hat, wie er es überführen kann in fruchtbare volkswirtschaftliche Prozesse. Die erste Arbeit, durch die das Kapital entstanden ist, hat jetzt keinen volkswirtschaftlichen Wert mehr; volkswirtschaftlichen Wert hat lediglich das, was er als Geist aufbringt, um das Geld zu verwerten. Denken Sie sich, es ist noch so viel Arbeit aufgespeichert im Kapital: Es kommt ein Dummkopf darüber, der alles verpulvert; dann haben Sie einen anderen Prozess, als wenn ein gescheiter Mensch dazu kommt, der einen fruchtbaren Prozess einleitet.
Also auf dieser zweiten Etappe, wo wir es zu tun haben mit Leiher und Schuldner, müssen wir sagen: Wir haben es zu tun mit dem Kapital, aus dem die Arbeit bereits verschwunden ist.“ [22]
Folgt man dem Gedankengang Steiners, so stellt der Leihvorgang in der Entwicklung des volkswirtschaftlichen Prozesses eine qualitativ neue Stufe dar. Diese Stufe ist ein objektives Erfordernis dieses Prozesses. Wenn die Entwicklung voranschreiten soll, dann ist es notwendig, das auf der einen Seite Leihkapital aufgebracht werden und auf der anderen Seite dieses Kapital vom menschlichen Geist ergriffen werden kann. Denn dadurch besteht die Möglichkeit, dass jemand der nichts hat außer einer fruchtbaren Idee ‑ d.h. den Geist etwas zu gestalten, das der Allgemeinheit dient ‑ diese in das soziale Leben einbringen kann.
Die zweite, notwendige Metamorphose des volkswirtschaftlichen Prozesses
Nun gilt allerdings den Punkt zu erkennen, wo das ökonomisch Sinnvolle dieses Vorganges in ein ökonomisch Unsinniges umschlägt. In dem Marx herausarbeitete, dass die Geldmetamorphose Geld – Ware - Geld im Gegensatz zu Ware – Geld - Ware kein Ende hat, hatte er ein zentrales Problem der moderne Ökonomie erfasst. Allerdings gelang ihm nicht, den Punkt klar zu unterscheiden, an dem das Produktive des Leihvorganges in ein Unproduktives umschlägt. In Steiners Begrifflichkeit stellt sich die Metamorphose etwas anders da. Ihren Ausgangspunkt nimmt sie bei der Natur, die durch die menschliche Arbeit verwandelt wird. Dann greift der Geist ein, der die Arbeit organisiert. Dieses hat zur Folge, dass sich Kapital herausbildet und von seinem Ursprung emanzipiert. In dem sich für den Geist in dem Kapital ein allgemeines Mittel zur Organisation des volkswirtschaftlichen Prozesses herausgebildet hat, ist die Metamorphose des volkswirtschaftlichen Prozesses allerdings noch nicht vollendet. Bisher, so Steiner, sind nämlich nur die Faktoren der wertbildenden Bewegung berücksichtigt worden. Es müssten aber ebenso die Faktoren der Entwertung, d.h. des Verbrauchs berücksichtigt werden.
Steiner führt an dieser Stelle den Begriff der „wertbildenden Spannung“ ein. Wir verzichten hier darauf diesen Begriff ausführlicher zu erläutern und belassen es bei dem Hinweis, dass dieser Begriff in Steiners Gesamtanschauung des volkswirtschaftlichen Prozesses eine zentrale Stellung hat. Insbesondere ist er von Bedeutung, um das Verhältnis der geistigen und materiellen Leistungen zueinander – man könnte auch sagen, dass Ineinanderspielen von Arbeitswertlehre und Geistwertlehre - zu klären. Dieser Aufsatz würde aber zu komplex und umfangreich, wenn dieser Aspekt mitbearbeitet würde. Beschränken wir uns hier auf den Aspekt, dass an dem Punkt, wo die Waren ihrem Verbrauch zugeführt werden eine Spannung durch die Nachfrage entsteht, die bewirkt das der Preis die Tendenz hat, von dem eigentlichen Wert des Produktes abzuweichen. Steiner überträgt den Begriff der wertbildenden Spannung dann auch auf den Vorgang des Leihens. Man könnte dabei zunächst meinen, dass Steiner das Leihen und Zinsnehmen ganz konventionell auffasst: nämlich in der Weise, dass die Kapitalanbieter sich nach der Kapitalnachfrage richten und der Zins sich dann als der Marktpreis für das Kapital ergibt. Dennoch besteht ein erheblicher Unterschied zwischen dem Leihvorgang und dem auf eine Ware, bzw. auf ein für den Konsum produziertes Gut gerichteten Kaufvorgang. Die Ware geht beim Kauf in die Entwertung über. Das Kapital wird zwar nach dem Leihvorgang auch durch den Unternehmer verbraucht; es ist aber für den Leiher selbstverständlich, dass es ihm wieder durch den Wertschöpfungsprozess des Unternehmers ersetzt wird, dass sogar am Ende möglichst mehr zurückfließt, als er am Anfang hineingesteckt hat. Es scheint, als werde das Kapital durch diesen Prozess nicht wirklich entwertet. Es soll, wie es Marx durchaus richtig beschreibt, immer wieder neu investiert werden, d.h. ein nahezu unendliches Leben haben.
Marx entwickelt – in dem er die Eigendynamik der Sache weiterdenkt – auf Grund dieser Beobachtung sein Gesetz der abnehmenden Profitraten. Steiner, der auch diesen Gedanken in verwandelter Form aufgreift, charakterisiert zunächst, was geschieht, wenn zu wenig Nachfrage nach Kapital von produktiven Unternehmern da ist, Grund und Boden aber wie Waren gehandelt werden können. Ist der Zinssatz niedrig, d.h. wird zu wenig Kapital nachgefragt, wird es für die Kapitalanbieter unrentabel, Kapital in produktive Investitionen zu stecken. Sie werden stattdessen ihr Kapital in Grund und Boden hineinkreditieren. Nimmt jemand Kapital auf, um Grund und Boden zu kaufen, so scheint dieses eine wesentlich sicherer Anlage zu sein, da die Bodenpreise unter diesen Umständen steigen werden und der verkäufliche Besitztitel im Falle des Scheiterns einer solchen „Unternehmung“ als Sicherheit dienen kann. Das Kapital, so Steiner, beginnt sich in Grund und Boden zu stauen.
Steiner sieht das Problem, dass der Unternehmer, der wirklich etwas zu leisten vermag, in Konkurrenz zu solchen Anlagemöglichkeiten treten muss, die im ökonomischen Sinne nichts hervorbringen. Der produktive Unternehmer wird so genötigt, einen wesentlich höheren Zins zu erwirtschaften, als wenn nur wirtschaftlich produktive Initiativen in Konkurrenz zueinander treten. Er muss daher für seine Erzeugnisse einen wesentlich höheren Preis kalkulieren, als in einer Situation, in der es nicht möglich ist das Kapital sich in Grund und Boden staut. Kredite, die auf Grund und Boden gewährt werden, würden daher verteuernd wirken. [23]
Es ist aber durchaus auch möglich, dass Kapital in immer neue wirtschaftliche Initiativen hineinkreditiert werden kann. Dieses hat dann – zumindest theoretisch - ein nahezu exponentielles Wachstum der materiellen Produktion zur Folge. Solange für nationale Volkswirtschaften die Möglichkeit besteht, sich über ihre Grenzen auszudehnen, d.h. insofern es gelingt sowohl ausländische Absatzmärkte, als auch die Rohstoffmärkte zu sichern, wird die Unmöglichkeit dieses Prozesses kaschiert. In dem Maße aber, wie die Wirtschaft sich weltweit vernetzt, stößt dieses Vorgehen an eine Grenze. Es besteht die Notwendigkeit, die Weltwirtschaft als ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet zu denken, dass keine Möglichkeit hat, Überschussproduktion nach außen abzugeben. [24]
Das Kapital muss daher, wenn es eine Zeit als Leihgeld gewirkt hat, tatsächlich entwertet werden. Geschieht dies nicht, so beginnt das fortwirkende Kapital den ökonomischen Prozess zu schädigen. Es sei hier angemerkt, dass es sich ja nicht nur in Grund und Boden staut, sondern in allen möglichen Besitztiteln, wie z.B. in dem Eigentum an Produktionsmitteln in Form von Aktien! Steiner rekurriert deshalb auf Grund und Boden, weil dieses bildhaft macht, dass die Metamorphose danach strebt, zum Naturpol zurückzukehren. Dieses könne nur nicht unter den gegenwärtigen Bedingungen richtig geschehen. Er sieht daher die Notwendigkeit, dass neben der wertschöpfenden Spannung auf der Stufe des Kaufens und der auf der Stufe des Leihens eine weitere eintritt, die bewirkt, dass das Kapital, man könnte sagen, wenn es seine wirtschaftliche Organisationskraft erschöpft hat, sinnvoll verbraucht werden kann. Diese wertschöpfende Spannung muss vom reinen Geistesleben erzeugt werden.
Das reine Geistesleben hat im sozialen Leben die Aufgabe, dass Fähigkeiten sich ausbilden können. Solche Fähigkeiten können im Wirtschaftsleben angewendet, nicht aber wirklich entwickelt werden. Es ist auf den Zustrom aus dem Geistesleben angewiesen, wenn es auf einer hohen Produktivität arbeiten können soll. Das Geistesleben verhält hingegen gegenüber dem Wirtschaftsleben sich so, wie ein reiner Konsument. Es bringt keine Waren hervor – denn Fähigkeiten sind keine Waren -, ist aber auf den Verbrauch von Waren angewiesen. Es ist daher auf den Zustrom von Geld angewiesen, wenn es fruchtbar arbeiten soll. Dennoch sieht Steiner den primären Grund, warum das Kapital im Geistesleben verbraucht werden soll, nicht in dieser zuletzt erwähnten Tatsache. Primär ist für ihn die Tatsache, dass der ökonomische Prozess geschädigt wird, wenn das Kapital nicht an einem bestimmten Punkt entwertet wird. [25]
Selbstverständlich könnte es genauso gut dadurch entwertet werden, dass man sehr viel Energie und Kraft zum Beispiel in die Konstruktion von Autos steckt, die nur dazu da sind, dass einige Leute damit möglichst schnell im Kreis herumsausen können. In der Tat finden sich heute viele solche Einrichtungen, in der auf diese Weise für die Entwertung von Kapital gesorgt wird. Heilsamer ist es allerdings für den sozialen Organismus, wenn das Kapital seinem Endverbrauch an der Stelle zugeführt wird, der es eigentlich seiner Entstehung verdankt. Steiner sieht da allerdings das Geistesleben in der Pflicht. Es muss selbst dafür sorgen, dass bei den Menschen eine Empfindung für die Bedeutung der geistigen Leistungen entsteht, d.h. dass bei den Menschen eine freie Empfänglichkeit für die geistigen Leistungen vorhanden ist. [26]
Gerade diese freie Empfänglichkeit der Menschen sah Rudolf Steiner immer mehr schwinden. Die Ursache sah zum einen in der Art, wie sich das bürgerliche Geistesleben darstellte, zum anderen aber in der seiner Meinung nach sehr suggestiv wirkenden marxschen Lehre, dass das geistige Leben lediglich Überbau sei. Das ganze erste Kapitel der "Kernpunkte der sozialen Frage" hat die Aufgabe, die Problematik dieser Auffassung darzulegen und ein Verständnis für die eigenständige Bedeutung eines eigentlich erst zu entwickelnden neuen Geisteslebens zu schaffen. Denn das bürgerliche Geistesleben stellte für ihn einen Endpunkt einer Entwicklung dar; es war an den Punkt angelangt, wo es die Welt nur noch in abstrakten – d.h. in dem Sinne, wie wir es oben ausgeführt haben, toten – Gedanken erfassen konnte. Diese können aber keine Stoßkraft für das soziale Leben entwickeln. Die alten Religionen hingegen hätten eine solche Stoßkraft gehabt. Die bürgerlichen führenden Schichten würden in ihrem religiösen Leben noch von vergangenen Traditionen zehren, während sie ihre Gedanken ganz im Sinne der Neuzeit bilden. Der Proletarier erlebe hingegen in seinem Alltag sowohl die Konsequenzen dieses Gedankenlebens als auch die Abwesenheit einer wirklichen sozialen Stoßkraft des religiösen Lebens. Es könne deshalb gerade das religiöse Leben nur als Überbau empfinden.
Auf diesem Hintergrund ist es zu sehen, wenn Steiner in den "Kernpunkte der sozialen Frage" ausführt:
„Die neue Zeit macht nicht bloß notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch in neue Gedanken. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum lebentragenden Inhalt werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben. Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der wahren Gestalt eines der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. Am Ende dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: Ich strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist Ideologie, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren Weltvorgängen spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet die proletarische Lebensauffassung als Ideologie.“ (S. 34).
Und weiter unten:
„Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung immer unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, die es nicht bewusst kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in ihrer Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren Lebenslage ist.
Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, dass sie von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muss.“ (S.35).
Es sei daher nicht verwunderlich, wenn bei dem Proletarier die Meinung entsteht: „Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, (…), werde gewiss nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen Fragen der Gegenwart.“ (S.36).
Es musste dieser Aspekt hier etwas deutlicher ausgeführt werden, damit nachvollzogen werden kann, was Steiner damit meint, dass an dem Punkt, an dem sich die Organisationskraft des Kapitals erschöpft hat, eine weitere „wertbildende Spannung“ - und zwar jetzt durch das freie Geistesleben - erzeugt werden muss. Denn, wird diese Spannung nicht erzeugt, dann muss das Kapital in Bereiche abfließen, die dem sozialen Organismus nicht zuträglich sind. Fehlt diese Spannung, so muss das Kapital notwendig fehl gelenkt werden. Es ist dieses dann ein Mangel, den das Geistesleben selbst betrifft.
Aus ökonomischer Sicht sieht es Steiner als notwendig an, dass das Kapital an einem bestimmten Zeitpunkt ins Geistesleben überführt wird. Er nennt diesen Vorgang eine Schenkung, insofern der Begriff der Schenkung beinhaltet, dass eine Leistung erbracht wird, ohne dass von dem Beschenkten eine – hier wirtschaftliche - Gegenleistung erwartet wird. Der Beschenkte bleibt frei, die Schenkung in dem Sinne zu verwenden, wie er es für richtig erachtet. Dieses ist aber für Steiner eine zentrale Bedingung für die freie Entwicklung des Geisteslebens. Ein Geistesleben etwa, das finanziell auf Zuwendungen z.B. vom Staat angewiesen ist, gerät dadurch in dessen Abhängigkeit. Schenkung ist hier allerdings eine volkswirtschaftliche und nicht moralische Kategorie gedacht, denn sie geht aus der Notwendigkeit des volkswirtschaftlichen Prozesses hervor und kann lediglich in sinnvolle oder schädliche Bahnen gelenkt werden.
Wir haben oben schon darauf hingewiesen, dass Steiner die Entstehung des Kapitals nicht bloß auf die individuelle Leistung des Einzelnen zurückführt, sondern dabei auch die kulturelle Leistung mitberücksichtigt. Zunächst sieht er es als Notwendigkeit an, dass der kulturelle Anteil an der Kapitalentstehung in der Verfügungsgewalt des Einzelnen bleibt. Es hängt dieses mit der Steiners Wertschätzung der einzelnen Individualität zusammen. Denn ebenso wie das freie Geistesleben über seine Mittel frei verfügen können muss, so muss es auch die Individualität, die in eine materielle Gestaltungsaufgabe eingebunden ist (Steiner nennt das im "Nationalökonomischen Kurs" das „halbfreie Geistesleben“, S. 93). In dem er nun den Punkt charakterisiert, wo das Kapital entwertet werden muss, macht er deutlich, wo der kulturelle Teil wieder dem freien Geistesleben zufließen müsste. Andernfalls würde das Kapital zu einem Mittel, um in ungerechtfertigter Weise Macht auszuüben.
In gleicher Weise denkt Rudolf Steiner auch den Besitz an Produktionsmittel, also des Realkapitals. Auch dieses sollte nur solange im Besitz dessen sein, der damit etwas für die Allgemeinheit unternimmt. Will dieser aus dieser Aufgabe ausscheiden, so sollte die Produktionsmittel gewissermaßen durch Schenkung an einen anderen befähigten Unternehmer überführt werden. [27] Steiner wendet sich gegen die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, weil er dadurch die Entfaltung der schöpferischen Gestaltungskraft der einzelnen Individualität bedroht sieht. Er wendet sich aber auch gegen die marktwirtschaftliche Vorstellung, die glaubt, dass die individuelle Verfügung über Produktionsmittel sich soweit erstrecken sollte, dass sie wie Waren gekauft und verkauft werden können. Schädigt die Vergesellschaftung der Produktionsmittel den volkswirtschaftlichen Prozess, weil die individuelle Gestaltungskraft behindert wird, so schädigt ihn die Inanspruchnahme der unbeschränkten Verfügung auch über den Zeitpunkt hinaus, in der dieses Realkapital für die Allgemeinheit genutzt wird, weil dadurch die oben beschriebene Stauproblematik mit ihren Umverteilungswirkungen hervorgerufen wird. [28]
Das Kapital zum richtigen Zeitpunkt durch die Schenkung entwertet wird, ist Steiners Antwort auf die Marxsche Krisentheorie. Denn in der Tat muss es zur Krise kommen, wenn man der Betrachtung des volkswirtschaftlichen Prozesses bloß materialistische Begriffe zugrunde legt. Erkennt man hingegen die reale Wirksamkeit des Geistes in diesem Prozess, dann sieht man, wie der Geist den materiellen Strom zurückdrängen und sich in dem so geschaffenen Freiraum entfalten kann. Man kann in diesem Sinne durchaus sagen, dass der materielle Strom durch das Wirtschaftsleben, der geistige Strom durch das Geistesleben repräsentiert wird. Dem einzelnen Menschen tritt der materielle Strom von außen als Umkreiskraft entgegen. Gelingt es ihm nicht, mit seiner Geistigkeit sowohl in die Gesetzmäßigkeit dieses materiellen Stromes einzutauchen, als auch aus freier Intuitionskraft geistige Gestaltungsimpulse zu entwickeln
